
Der Roman „Golem stiller Bruder“ ist 2007 im Beltz & Gelberg Verlag erschienen. Er hat 373 Seiten und eignet sich für Kinder ab 14 Jahren.
Das Buch handelt von einem 15-jährigen, jüdischen Jungen namens Jankel, der gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester Rochele um das Jahr 1600 bei seiner Tante Schejndl in Mořina lebt, weil Jankels Mutter bei Rocheles Geburt gestorben ist.
„[…] unsere Mutter […] war Rachel […] Nach ihrem Tod hat unsere Tante Schejndl, der Herr schenke ihr Gesundheit und ein langes Leben, für uns gesorgt […]“ (S. 288)
Jankels Vater Srulik arbeitet als Bücherverkäufer, doch er ist von seinem letzten Auszug nicht zurückgekommen. Jankel vermutet, er sei krank geworden.
„[…] unser Vater ist vor vielen Monaten mit seinen Büchern losgezogen und bis heute nie wiedergekommen […] Vielleicht ist er krank geworden […]“ (S. 288)
Bei Tante Schejndl geht es Jankel und Rochele sehr gut, bis sie selber krank wird und nicht mehr für die Kinder sorgen kann.
Sie beschließt, Jankel und Rochele nach Prag, zu ihrem Onkel, dem Rabbi Löw zu schicken.
„‚[…] Tante Schejndl, der Herr schenke ihr Genesung, hat uns hierhergeschickt. Sie ist krank geworden, der Schlagfluss hat sie getroffen, sie braucht jetzt selbst Hilfe und kann nicht mehr für uns sorgen […]‘“ (S. 19)
Der Rabbi Löw nimmt die beiden Kinder bereitwillig auf. Ihnen geht es bei ihm zwar gut, aber die Geschwister müssen sich erst langsam an das Leben in der großen Stadt Prag gewöhnen.
„In Prag, im Haus des Hohen Rabbi Löw, war alles anders, als es in Mořina gewesen war.“ (S. 24)
Hinzu kommt, dass der Rabbi eines Tages anordnet, dass Rochele von nun an bei seiner Tochter Frume, die auch in Prag lebt, wohnen soll.
„‚Wir sollten unsere Tochter Frume bitten, das Kind bei sich aufzunehmen. Ihre beiden Töchter Surele und Reysele, sie mögen leben und gesund sein, sind doch ungefähr in ihrem Alter.‘“ (S. 27/28)
Für Jankel bedeutet dies eine große Umstellung, weil er sich nicht von seiner Schwester trennen möchte und zudem die Anweisung von seinem Vater erhalten hat, immer gut auf sie aufzupassen. Rochele gefällt es bei Frume aber sehr gut und schon bei ihrer ersten Begegnung versteht sich Rochele mit der ganzen Familie.
„Jankel beobachtete ungläubig […] wie schnell seine kleine Schwester ihre Scheu verlor und wie fröhlich sie mit den beiden Mädchen, die sie doch gerade erst kennengelernt hatte, loslief […]“ (S. 39)
Jankel kann jedoch gar nicht mehr weiter über das Leben ohne Rochele grübeln, weil sein Onkel auch für ihn einen Plan hat. Jankel soll nämlich anfangen zu arbeiten, damit er eine sinnvolle Aufgabe habe, der er nachgehen könne.
„‚[…] du musst dich mit etwas beschäftigen, du brauchst Pflichten, damit du hier bleibst, wo dein Platz ist, und dich nicht unnötig unter die Ungläubigen mischst […]‘“ (S. 30)
Seine Wahl fällt schließlich auf den Bäcker Mendel.
„‚Mendel ist ein gottesfürchtiger Mann, ich glaube, er behandelt seine Gehilfen gut und gerecht.‘“ (S. 31)
So arbeitet Jankel Tag für Tag für Mendel und findet auf diese Weise sogar einen Freund: Schmulik, ein anderer Gehilfe des Bäckers, der schon mehrere Jahre bei ihm arbeitet.
Jankels Leben geht seinen Lauf und ihm gefällt es in Prag von Tag zu Tag besser. Doch immer öfter sieht er den Synagogendiener namens Josef, der auch im Haus des Rabbis lebt. Die meisten Menschen haben Angst vor ihm und versuchen, ihm so gut es geht aus dem Weg zu gehen.
„‚Josef schläft oben in der Bodenkammer. Tagsüber ist er im Lehrhaus oder in der Schul und erledigt die Aufgaben eines Synagogendieners, er kommt meist erst nach Hause, wenn es schon lange dunkel ist.‘“ (S. 27)
Von Schmulik erfährt Jankel schließlich, dass Josef ein Golem ist: ein künstlicher Mensch aus Lehm, geschaffen durch kabbalistische Zauberformeln. Seine Aufgabe ist es, die jüdischen Menschen im Ghetto zu schützen. Denn immer öfter gibt es Überfälle der Christen, gegen die sich die Juden ohne seine Hilfe nicht wehren können.
Doch im Gegensatz zu den anderen Menschen schließt Jankel den Golem ins Herz. Was das für Folgen haben wird, merkt er zu spät…
Im Laufe des Buches wird auf die Beziehung zwischen Jankel und dem Golem eingegangen. Auch die immer häufigeren Überfälle der Christen werden beschrieben.
Mir gefällt das Buch sehr gut.
Die Geschichte ist spannend, durch die Gestalt des Golems gleichzeitig aber auch unheimlich.
Das Thema Judenverfolgung wird gut in die Handlung miteinbezogen, sodass es, wie bei manchen anderen Büchern über dieses Thema, nicht an erster Stelle steht, was mir sehr gut gefällt.
Auch die Hintergrundgeschichte des Golems ist sehr wissenswert: Der Golem gilt als eine Figur, die in jüdischen Sagen vorkommt. Seine Aufgabe ist es, die Juden zu schützen. In der wohl bekanntesten Geschichte über den Golem sieht der Prager Rabbi Löw, wie die Juden verfolgt werden. Um die Juden zu schützen baut er eine Menschenfigur aus Lehm – den Golem. Im Gegensatz zu den Menschen ist der Golem stumm. Gleichzeitig hat er übermenschliche Kräfte.
Im Glossar am Ende des Buches sind Fachbegriffe zum Judentum erklärt, was das Lesen etwas einfacher und verständlicher macht.
Anfangs kam ich manchmal etwas mit den Namen der Figuren durcheinander, weil sich viele Namen ähnlich anhören (z.B. Srulik und Schmulik). Man kann sich aber schnell daran gewöhnen und weiß irgendwann, wer wer ist.
Insgesamt würde ich „Golem stiller Bruder“ weiterempfehlen.