
Der Roman „Echt“ von Christoph Scheuring ist 2014 im Magellan Verlag erschienen. Er hat 256 Seiten und eignet sich für Jugendliche ab 14 Jahren.
Das Buch handelt von dem sechzehnjährigen Albert, der zusammen mit seinem Vater in Hamburg, Blankenese lebt. Seine Mutter hat die Familie verlassen, als Albert zehn Jahre alt war und sein Vater arbeitet als Mathematiker von zu Hause aus und interessiert sich nicht sonderlich für das, was sein Sohn macht.
„[…] und dann war sie vor sechs Jahren plötzlich verschwunden […] Mein Vater hockte danach ungefähr einen Monat lang am Fenster […] und dann wandte er sich wieder seinen mathematischen Gleichungen zu, mit denen er von morgens bis abends sein Geld verdient.“ (S. 11)
Alberts Hobby ist es, am Hamburger Hauptbahnhof Menschen zu fotografieren, die sich verabschieden. Ihn fasziniert dabei vor allem der Augenblick voller intensiver Emotionen, der den Abschied zu etwas Besonderem macht, das Albert festhalten möchte. Fast jeden Tag fährt er nach der Schule an den Bahnhof, die Fotos sortiert er Zuhause und speichert sie dann auf seinem Computer.
„Es ist nämlich so, dass ich finde, dass es keinen intensiveren Augenblick gibt als einen Abschied […] Da muss man sich nur mal eine halbe Stunde auf einen Bahnhof stellen, um das zu verstehen.“ (S. 13/14)
Als Albert eines Tages auf einer Bank am Bahnhof sitzt, sieht er ein etwas heruntergekommen aussehendes Mädchen, das ihn sofort fasziniert. Als sie zu seiner Bank kommt und sich neben ihn setzt, beginnen die beiden ein Gespräch und Albert erzählt ihr von seinem Hobby. Weil das Mädchen, das sich als Kati vorstellt, an seinen Fotos interessiert ist, nimmt Albert sie mit zu sich nach Hause, damit sie seine Fotos sehen kann, die er vor ihr noch keiner anderen Person gezeigt hat.
„‚Zeigst du mir deine Bilder mal?‘ ‚Klar‘, sagte ich, obwohl es ja eigentlich gar nicht klar war, dass sie jemand anschauen durfte. ‚Jetzt gleich?‘, fragte sie. ‚Von mir aus auch gleich.‘ Da griff sie nach meiner Hand und zog mich von der Bank, und wir gingen rüber zum Gleis, von dem meine S-Bahn fuhr.“ (S. 25)
Kati scheint sich wirklich sehr für seine Fotos zu interessieren und betrachtet jedes Bild sehr lange und genau. Besonders Alberts Lieblingsbild, auf dem ein junges Mädchen einen älteren Mann umarmt, reißt Kati sehr mit und sie fragt Albert sofort, ob sie das Foto haben darf.
„Bei diesem Bild war es dann so, dass Kati […] anfing zu zittern, wie ein Zitteraal oder so was: unfähig, sich zu bewegen, aber total unter Strom […]“ (S. 33)
Da Albert seine Bilder ungern an andere weitergibt, lehnt er Katis Bitte ab. Die beiden verabreden sich aber bei der gleichen Bank am Bahnhof.
Dort ist Kati am nächsten Tag allerdings nicht zu finden, weshalb Albert vor dem Bahnhof auf sie wartet. Dort trifft er auf den Jungen, der am vorherigen Tag neben Kati saß und verschwunden ist, als sie anfing, sich mit Albert zu unterhalten. Dieser stellt sich als Sascha vor und erzählt, dass sowohl er als auch Kati zu einer Gruppe Jugendlicher gehören, die nicht bei ihren Eltern wohnen und auch nicht zur Schule gehen, sondern die meiste Zeit am Bahnhof verbringen. Viele von ihnen sind Drogenabhängige, Dealer oder Kleinkriminelle, die sich ihr Geld mit Einbrüchen verdienen und auch Kati ist die meiste Zeit in der Stadt unterwegs und sagt niemandem, wo sie sich befindet.
„[…] auf Kati kannst du nicht aufpassen. Keine Chance. Du weißt nie, wo sie ist. Was sie macht … Kannst dich auch nicht verabreden. Kati kommt, wann sie will.“ (S. 41)
Sascha nimmt Albert zu einer Wohnung mit, in der einige Jugendliche vom Bahnhof sitzen, schlafen, sich unterhalten oder Drogen nehmen. Albert, der bis jetzt nie mit so etwas in Berührung kam, ist zunächst etwas überfordert und verstört, als Sascha ihn auffordert, ihn und seine Freunde zu fotografieren und so ihre Existenz festzuhalten, stimmt Albert aber zu.
„Ein Fotoband über diese Leute. Das war Scheiße cool. Auf der einen Seite. Und andererseits hatte ich echt auch ein bisschen Schiss, weil ich die Typen überhaupt nicht kannte.“ (S. 48)
So lernt Albert die Gruppe vom Bahnhof immer besser kennen und auch seine Beziehung zu Kati wird immer vertrauter. Und schließlich erfährt Albert auch, was es mit dem Foto, auf das Kati so geschockt reagiert hat, auf sich hat…
Mir gefällt der Roman sehr gut.
Das etwas ausgefallene orangene Cover hat mich sofort auf das Buch aufmerksam gemacht und passt meiner Meinung nach auch irgendwie zur ganzen Geschichte.
Dass Albert Abschiede sammelt, hat mich sofort begeistert und ist mal etwas ganz Anderes, als das, was man in anderen Jugendbüchern liest.
Die Beziehung zwischen Kati und Albert, die ja doch sehr verschieden sind, fand ich während des Lesens sehr interessant. Anfangs tut sich Albert eher schwer mit Kati, weil sie bei Treffen manchmal einfach verschwindet und nichts über sich preisgeben will. Es wirkt so, als würde Kati Albert nicht wirklich brauchen, doch im Laufe des Buches wird deutlich, dass ihr Albert ebenfalls sehr wichtig ist und sie an ihm Halt findet.
Auch die Beschreibungen der Jugendlichen am Hauptbahnhof und die Berichte über ihr hartes Leben finde ich sehr interessant. Durch Albert, der sich mit der Gruppe anfreundet und ganz vorurteilsfrei über sie denkt, erhält der Leser einen guten Zugang zu ihnen.
Besonders gut gefällt mir, mit welcher Ironie die gesamte Geschichte erzählt ist. Während des Lesens musste ich immer wieder lachen und besonders die Beschreibungen von Alberts Vater haben mich sehr amüsiert!
Zudem gibt es keinen richtigen Spannungshöhepunkt und die Geschichte wird die gesamte Zeit über nicht langweilig, sodass man immer wieder neue spannende Dinge erfährt.
Insgesamt empfehle ich „Echt“ auf jeden Fall weiter.