
Der Roman „Ihr sollt (nicht) schweigen“ von Kyrie McCauley ist 2023 in deutscher Übersetzung im dtv Verlag erschienen. Er hat 352 Seiten und eignet sich für Jugendliche ab 14 Jahren.
Das Buch handelt von einem Mädchen namens Cassandra Queen, genannt Cassie, die in der Schule von ihrem Ex-Freund Nicolas Bell, genannt Nico, erschossen wurde. Dieser brachte sich nach seiner Tat selbst um.
„Im März brachte Nico Bell, Ex-Freund der siebzehnjährigen Cassie Queen, die Schusswaffen seines Vaters mit in die Schule und schoss auf Cassie […] und sich selbst.“ (S. 32)*
Das Besondere: Schon vor dem Mord an Cassie verletzte und bedrohte Nico seine Freundin, sodass diese sich an die Polizei wendete. Ihr Versuch, eine Anzeige zu erstatten, war allerdings erfolglos. Vielmehr verharmloste die Polizei den Fall und nahm Cassie nicht ernst.
„‚[…] wusste, dass Nico Cass bedroht hat. Die Polizei wusste es. Aber niemand hat etwas unternommen.‘“ (S. 39)
Dies lag unter anderem daran, dass Nicos Vater der Besitzer von „Bell Firearms“, einer großen Waffenfabrik, ist. Diese wurde vor langer Zeit in der Stadt gegründet und machte sie zum „Zentrum amerikanischer Waffenkultur“ (S. 8). Nico sollte die Firma später von seinem Vater übernehmen.
Seit Cassies Tod wird der Polizei immer wieder vorgeworfen, sie hätte Nico wegen der angesehenen Rolle der Firma bevorzugt und Cassies Fall deshalb anders als ähnliche Fälle behandelt.
„Wenn man den Sheriff von Bell fragt, ging es um eine Jugendliebe, die schieflief – und Nico Bell war kein gewalttätiger Killer, sondern nur ein liebeskranker Romeo.“ (S. 49)
Cassies beste Freundinnen, Vivian, auf die Nico ebenfalls schieß, die den Angriff aber überlebt hat, und Beck wollen sich damit aber nicht abfinden. Sie wollen ein Zeichen setzen und nicht zulassen, dass Cassie vergessen wird.
„Cassies Geschichte verdiente es, erzählt zu werden. Und Vivian und Beck waren die Einzigen, die sie erzählen konnten.“ (S. 119)
Da Beck sehr gut zeichnen kann, beschließen sie, an verschiedenen Orten in der Stadt Graffiti zu sprühen, das an Cassie erinnert. Die Bildern wollen die beiden dann in den sozialen Netzwerken posten, um auf Cassie aufmerksam zu machen.
„Sie mussten allen das Gefühl geben, Cassie zu kennen. So als wenn der Verlust jeden beträfe, als wenn er der Verlust eines jeden wäre.“ (S. 41)
Dabei bekommen Vivian und Beck sogar Hilfe – und zwar von Cassie selbst. Denn eines Abends erscheint sie ihren Freundinnen in Becks altem VW-Bus als Geist. Sie kann zwar nicht berührt werden, ist aber in der Lage, mit Vivian und Beck zu reden.
„‚Ich bin nur nachts da […] Tagsüber bin ich zu…waberig. Ich bin nirgends. Es gibt dann nur meine Gedanken.‘“ (S. 29/30)
Doch trotz allem dürfen Vivian und Beck nicht vergessen, dass nicht alle auf ihrer Seite sind. Und sie müssen aufpassen, nicht erwischt zu werden…
Mir gefällt der Roman ganz gut.
Das Titelbild wirkt etwas bedrohlich, stimmt einen aber gut auf die Geschichte ein, auch, weil es gesprayt wirkt und so auf die Wandbilder von Vivian und Beck anspielt.
Das Buch erzählt abwechselnd aus dem Leben von Vivian und aus dem Leben von Beck, was mir persönlich sehr gut gefällt, da man dadurch mehr Informationen zu der jeweiligen Person erhält.
Auch das Thema der Waffengewalt in den USA finde ich spannend und das Buch regt auf jeden Fall zur Diskussion an.
Interessant ist es auch, zu erfahren, wie Vivian und Beck mit dem Tod ihrer besten Freundin umgehen. Beck beispielsweise gibt sich selbst die Schuld für Cassies Tod und überlegt ständig, wie sie Nico hätte abhalten können, auf sie zu schießen.
Dass Cassie plötzlich als Geist auftaucht, gefällt mir persönlich überhaupt nicht. Die Idee ist zwar ganz nett, allerdings sehr unrealistisch und trägt meiner Meinung nach auch nicht viel zur Geschichte bei.
Insgesamt empfehle ich „Ihr sollt (nicht) schweigen“ wegen des interessanten Themas aber weiter.
*Ich habe mich auf die Seitenzahlen des E-Books bezogen