
Der Roman „Nächte im Tunnel“ von Anna Woltz ist 2022 in deutscher Übersetzung im Carlsen Verlag erschienen. Er hat 224 Seiten und eignet sich für Jugendliche ab 14 Jahren.
Das Buch handelt von der vierzehnjährigen Ella, die gemeinsam mit ihrer Familie, ihrem neunjährigen Bruder Robbie und ihren Eltern, während des Zweiten Weltkriegs in London lebt.
Ella bekam vor einem Jahr die Krankheit Polio, durch die ihr Bein gelähmt wurde. Sie musste lange Zeit von einer Maschine, der sogenannten Eisernen Lunge, künstlich beatmet werden.
„‚Sie haben mich ins Krankenhaus gebracht, aber die Lähmung wurde immer schlimmer. Als ich nicht mehr atmen konnte, haben sie mich in eine Eiserne Lunge gesteckt.“ (S. 65)*
Inzwischen geht es Ella wieder gut, allerdings kann sie nicht mehr richtig laufen und braucht einen speziellen Schuh für ihr gelähmtes Bein.
„Bei jedem Schritt muss ich meinen Fuß hinter mir herziehen […] Ich brauche keine Krücken oder so was, nur Spezialschuhe.“ (S. 8)
Doch im Moment hat Ella ganz andere Sorgen: Jeden Abend bombardieren die Deutschen London und Ellas Familie hofft Tag für Tag, dass ihr Haus unversehrt bleibt.
„Jede Nacht fallen Bomben. Überall in London sieht man riesige Brände und zerstörte Häuser und vielleicht auch Tote.“ (S. 6)
Ellas Familie verbringt die Nächte in der U-Bahn-Station, um sich vor den Bomben zu schützen. Ella muss oft den ganzen Tag vor dem Eingang anstehen, um noch einen Platz zu bekommen und weiß nicht, was von der Stadt am nächsten Tag noch übrig sein wird.
„Bevor wir runtergehen in die Liverpool Street Station, werfe ich einen letzten Blick zurück […] Es ist vier Uhr nachmittags. Wir kommen erst morgen früh wieder nach draußen. Ich habe keine Ahnung, ob die Stadt dann noch da ist.“ (S. 8)
Und auch die Nächte in der U-Bahn-Station sind alles andere als bequem: Es ist völlig überfüllt, laut und stickig und es stinkt, weshalb Ella nachts oft kein Auge zumacht.
„Dreihundert Fremde auf einem grell beleuchteten Bahnsteig […] nach so vielen Stunden mit so vielen Menschen ist die Luft hier zum Schneiden. Ein erstickendes Gemisch aus Schweiß, abgestandenem Brandgeruch, fish & chips und Urin.“ (S. 13)
Als Ella eines Tages wieder in der Schlange vor der U-Bahn-Station ansteht, lernt sie Jay kennen, einen Gassenjungen, der sich sein Geld damit verdient, Schlafplätze in der Station an andere Leute zu verkaufen. Einerseits hält Ella nichts von ihm, da sie seinen Weg, an Geld zu kommen, nicht richtig findet, andererseits ist sie auch von ihm angetan…
„Jetzt prickeln die Funken nicht mehr auf meiner Haut, ich spüre, wie sie wütend durch meinen Körper rasen. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich ihn zusammenschlagen.“ (S. 97)
Und dann ist da auch noch die fünfzehnjährige Quinn, eine Lady, die vom Landgut ihrer Eltern geflohen ist und in London in einem Krankenhaus arbeiten möchte. Ella bewundert Quinn sofort und ist sehr fasziniert von ihrer Ausstrahlung und Entschlossenheit, aber auch von ihrem Aussehen. Denn anders als andere Mädchen trägt Quinn kein Kleid oder einen Rock, sondern eine Hose.
„Sie trägt […] eine braune Männerhose, die mit einem Gürtel um ihre Taille gezurrt ist.“ (S. 18)
Quinn, Jay und Ella werden nach und nach Freunde und verbringen die Nächte zusammen in den U-Bahn-Tunneln. Doch sie dürfen nicht vergessen, dass Krieg herrscht…
Mir gefällt das Buch ganz gut.
Das Cover spricht mich persönlich nicht sehr an, da mich das Mädchen, das vermutlich Ella darstellen soll, eher an eine Anime-Figur erinnert, aber was zählt, ist ja der Inhalt 🙂
Der Schreibstil wirkt einfach und klar und man kann der Geschichte gut folgen.
Besonders interessant finde ich die unterschiedlichen Figuren, einmal Ella, die etwas unsicher ist und sich oft für ihr gelähmtes Bein schämt und die selbstbewusste und entschlossene Quinn, die das komplette Gegenteil zu Ella ist. Auch Ellas Zwiespalt, ob sie Jay nun mag oder ihn wegen seiner Arbeit verachtet, finde ich spannend und gut dargestellt.
Das Ende möchte ich zwar noch nicht verraten, gefällt mir aber gut, da es zwar traurig, aber aufgrund des Krieges sehr realistisch ist. Den Ausblick auf die erwachsene Ella sechs Jahre nach der Geschichte hätte ich persönlich weggelassen, hat mich aber auch nicht sonderlich gestört.
Etwas ärgerlich finde ich die vielen Rechtschreibfehler, die ich während des Lesens gefunden habe.
Insgesamt empfehle ich „Nächte im Tunnel“ aber trotzdem weiter.
*Ich habe mich auf die Seitenzahlen des E-Books bezogen