
Der Roman „Kompass ohne Norden“ von Neal Shusterman ist 2018 in deutscher Übersetzung im Carl Hanser Verlag erschienen und wurde 2019 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Er hat 336 Seiten und eignet sich für Kinder ab 14 Jahren.
Das Buch handelt von dem fünfzehnjährigen Caden, der zusammen mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Mackenzie lebt und noch zur Schule geht.
Eines ist jedoch komisch: Caden wird immer ernster und angespannter und irgendetwas verändert sich in ihm. Seine Eltern haben dies auch schon gemerkt, wissen aber nicht richtig, wie sie ihrem Sohn helfen können.
„Meine Eltern haben bemerkt, wie angespannt ich in letzter Zeit bin. Mein Vater meint, ich sollte irgendeinen Sport anfangen, um meine nervöse Energie rauszulassen. Meine Mutter meint, ich sollte Yoga machen.“ (S. 23)
Eines Tages hat Caden plötzlich das Gefühl, dass ein Junge aus seiner Schule ihn umbringen will und erzählt seinem Vater davon. Dieser möchte Caden von seinen Gedanken abbringen und meint, seine Angst sei durch Stress ausgelöst, was Caden auch etwas beruhigt.
„Jetzt, nachdem ich es laut ausgesprochen habe, merke ich, wie albern ich mich angehört habe. Ich meine, dieser Junge weiß überhaupt nicht, dass es mich gibt.“ (S. 23)
Trotzdem bleibt Caden misstrauisch und immer häufiger kommt es vor, dass er sich verfolgt fühlt oder denkt, dass ihm jemand etwas antun möchte. Darüber hinaus wird Caden immer unruhiger, kann sich nicht mehr konzentrieren und hat das Gefühl, sich ständig bewegen zu müssen.
„Immer mehr bin ich vom Drang erfüllt zu laufen. Ich gehe in meinem Zimmer hin und her, wenn ich eigentlich Hausaufgaben machen sollte.“ (S. 94)
Auch Cadens Lehrer merken, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Als er bei einem Physiktest ein leeres Blatt abgibt, weil er während des Tests die Zeit vergessen und nur Kreise auf die Arbeit gemalt hat, wird er zur Beratungslehrerin der Schule geschickt. Ihr erzählt Caden aber nur, er habe die Aufgaben einfach so nicht bearbeitet und es wäre alles in Ordnung.
„‚Also, ich hatte einen schlechten Tag, und das habe ich an dem Test ausgelassen. Ich weiß, das war dumm […]‘“ (S. 93)
Cadens Lage wird allerdings nicht besser und als seine Eltern nicht mehr weiterwissen, machen sie mit Caden einen Termin beim Therapeuten aus.
„‚Dein Vater und ich glauben, es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn du mit jemandem reden würdest […] vielleicht ist es leichter, mit jemand anderem zu reden.‘“ (S. 122)
Aber auch die wöchentlichen Sitzungen bringen nichts und Caden fühlt sich immer schlechter. Deshalb beschließen seine Eltern, ihn in eine Klinik zu bringen.
Caden jedoch ist ganz woanders: nämlich auf einem Piratenschiff auf dem Weg zum Marianengraben, dem tiefsten Punkt der Erde…
Mir gefällt der Roman sehr gut.
Das Cover sieht meiner Meinung nach sehr interessant aus und hat mich auch dazu gebracht, das Buch mitzunehmen.
Das Buch hat mich von Anfang an gefesselt, was besonders an Cadens Krankheit liegt. Als Leser bekommt man sehr genau mit, wie es ist, mit einer schizoaffektiven bipolaren Störung zu leben, an der Caden leidet. Denn er weiß selbst auch nicht genau, was eigentlich mit ihm los ist. Diese Erzählungen, auch als Caden schließlich in der Klinik ist, haben mich während des Lesens sehr angesprochen.
Interessant ist auch, dass der Roman einige autobiografische Züge enthält: denn Neal Shustermans Sohn hat selber an einer schizoaffektiven bipolaren Störung gelitten, wodurch ich mir vorstellen kann, das Neal Shusterman genau weiß, wovon er schreibt. Die Zeichnungen im Buch stammen außerdem auch von seinem Sohn; er hat diese Bilder während seiner Krankheit gemalt.
Anfangs haben mich die zwei verschiedenen Ebenen, aus denen erzählt wird, etwas verwirrt. In der einen Ebene wird Cadens reales Leben beschrieben, die andere erzählt von seiner Traumreise auf ein Piratenschiff, das zum Marianengraben unterwegs ist. Das habe ich anfangs nicht ganz verstanden, man merkt aber schon bald, dass die beiden Ebenen zusammengehören, was ich letzten Endes auch sehr interessant fand.
Insgesamt empfehle ich „Kompass ohne Norden“ auf jeden Fall weiter, auch wenn es etwas anspruchsvoll zu lesen ist.