Marianne Kaurin: Beinahe Herbst

Der Roman „Beinahe Herbst“ von Marianne Kaurin ist 2019 in deutscher Übersetzung im Arctis Verlag erschienen. Er hat 240 Seiten und eignet sich für Kinder ab 14 Jahren.

Das Buch handelt von der fünfzehnjährigen Ilse Stern, die gemeinsam mit ihrer achtzehnjährigen Schwester Sonja, ihrer kleinen Schwester Miriam, ihrer Mutter Hanna und ihrem Vater Isak im Jahr 1942 in Oslo in einem Mietshaus lebt.

„[…] jetzt fällt das Licht schräg auf ein Tor in Oslos Stadtteil Grünerløkka. Durch das Tor kommt Ilse Stern.“ (S. 5)

Ilse ist eine sehr aufgeweckte und impulsive Person, während Sonja ruhig und geschickt ist und den Eltern oft im Haushalt und im Geschäft hilft. Ilse ist deshalb manchmal neidisch auf Sonja.

„Hin und wieder spürte Ilse, dass der Neid ihr einen Stich versetzte, wenn sie abends Mutter und Sonja, jede mit ihrer Handarbeit, am Esstisch sitzen sah, während sie es sich mit einem Buch bequem gemacht hatte.“ (S. 36)

Ilse arbeitet bei ihrem Vater in seinem Schneidergeschäft. Ihre Schule ist von deutschen Soldaten besetzt worden und hat deshalb geschlossen.

„Seit die Schule vor den Sommerferien dichtgemacht hatte, arbeitete Ilse bei ihrem Vater.“ (S. 32)

Allerdings kommen nicht viele Kunden zu ihnen, denn es ist Krieg und Ilses Familie ist jüdisch.

„Vor ein paar Jahren waren die Geschäfte gut gelaufen, er hatte mehrere Angestellte und viel zu tun gehabt, aber jetzt, durch den Krieg, war alles anders geworden.“ (S. 33)

Und immer öfter muss Isak am Morgen Beleidigungen von seinem Schaufenster wischen. Er tut dies immer, bevor Ilse und Sonja kommen, damit sie die Schmierereien nicht sehen müssen.

„Muss er den Tag damit beginnen, die Fenster zu putzen, einen Eimer mit Wasser zu füllen, Seife, draußen in der Kälte zu stehen, die Scheibe zu schrubben, sich zu beeilen?“ (S. 54)

Generell sind Hanna und Isak sehr besorgt. Sie verdienen nur wenig, es kommt keine Kundschaft mehr und sie wissen nicht, wie es weitergeht und ob sie möglicherweise aus Norwegen fliehen sollen.

„Es kommen kaum noch Kunden, die Buchhaltung ist im Minus, es ist schwierig, Material zu beschaffen, schwierig, selbstständig zu arbeiten.“ (S. 55)

Und auch, dass Ilse abends immer länger draußen bleibt, macht ihnen zu schaffen. Denn sie trifft sich oft mit dem Nachbarsjungen Hermann Rød.

„In diesem Sommer hatte sich etwas angeschlichen, worauf sie nicht gefasst war […]: die Liebe.“ (S. 15)

Im Oktober 1942 klopfen plötzlich zwei fremde Männer an die Wohnungstür und verhaften Isak. Er muss mit ihnen mitkommen, unwissend, wohin es geht und wann er seine Familie wiedersieht.

Das ist auch der Moment, an dem Isak bereut, nichts unternommen zu haben. Und er hat das Gefühl, dass es noch schlimmer kommen wird.

„Er hat zu lange gezögert […] Jetzt hätten sie über der Grenze sein können, wenn er seine Pläne nur in die Tat umgesetzt hätte.“ (S. 84)

Und Isaks Vermutung bestätigt sich: Einige Wochen später klopfen abermals Polizisten an die Tür der Familie Stern und fordern sie auf, zu packen und mit ihnen zu kommen. Und was die Familie noch nicht weiß: Die Reise geht ins Konzentrationslager Auschwitz.

„‚Sie werden verreisen‘, sagt er. ‚Auf Befehl der Staatspolizei.‘“ (S. 127)

Ilse jedoch ist an diesem Tag nicht zu Hause. Weil sie Streit mit Hanna hatte, ist sie zusammen mit Hermann Skilaufen gegangen. Und als sie zurück kommt, merkt sie, dass ihre Familie weg ist…

Mir gefällt der Roman gut.

Mir ist sofort der Einband ins Auge gefallen: die goldenen Blätter und die rote Schrift stechen sehr hervor.

Das Buch ist sehr einfach geschrieben, spiegelt aber dennoch die Grausamkeit des Nationalsozialismus wider. Besonders einzelne Szenen sind sehr erschütternd, beispielsweise die eines alten Ehepaares, das ebenfalls deportiert wird. Der Mann kann nicht mehr ohne Krückstock laufen, dieser wird allerdings zerbrochen. Seine Frau hat Asthma und braucht Medikamente, die sie bereits aufgebraucht hat und deshalb mehrmals keine Luft mehr bekommt.

Diese brutalen Beschreibungen sind sehr erschütternd, aber schließlich auch die Wahrheit. Durch den einfachen Schreibstil rückt diese Grausamkeit stark in den Fokus.

Die Gefühle der einzelnen Figuren werden gut dargestellt. Die Ungewissheit, was passieren wird, die Angst, die Verzweiflung. Dadurch wird der Leser sehr an die Geschichte gefesselt.

Es ist auch interessant, dass der Roman in Norwegen spielt, in dem die Lage nochmal anders war als in Deutschland, wo die meisten Bücher über den Zweiten Weltkrieg spielen. Am Ende des Romans ist außerdem noch eine historische Notiz, die ich sehr hilfreich finde.

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich dennoch. Meiner Meinung nach dauert es anfangs etwas zu lang, bis es zum „richtigen“ und spannenden Geschehen kommt, wogegen das Ende sehr abrupt kommt. Dieser Schluss hat mir persönlich dann auch wieder sehr gut gefallen, der Anfang ist jedoch etwas schleppend.

Insgesamt empfehle ich „Beinahe Herbst“ weiter.

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