John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken

Der Roman „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green ist 2017 in deutscher Übersetzung im Carl Hanser Verlag erschienen. Er hat 285 Seiten und eignet sich für Kinder ab 14 Jahren.

Das Buch handelt von der 16-jährigen Aza Holmes, die gemeinsam mit ihrer Mutter in Indianapolis lebt. Allerdings hat Aza ein riesiges Problem: sie hat panische Angst vor Bakterien und Viren und hat ständig das Gefühl, sich irgendwie anzustecken.

„Zugegebenermaßen leide ich unter einer Angststörung, aber ich finde es nicht irrational, wenn einem die Vorstellung zu schaffen macht, eine mit Haut überzogene Bazillenkolonie zu sein.“ (S. 9)

Einer ihrer Ticks ist es, eine nie vollständig verheilte Schwiele an ihrem Finger zu öffnen, weil sie denkt, dass die Wunde entzündet ist und sie durch das Öffnen gereinigt wird.

„Und wenn der Gedanke erst mal aufkeimt, dass ich die Stelle wieder aufkratzen muss, kann ich es buchstäblich nicht nicht tun.“ (S. 11)

Oft gerät Aza durch diese Angstgedanken in eine Denkspirale, aus der sie so schnell nicht mehr rauskommt.

„Ich habe manchmal diese Gedanken, die, wie Dr. Singh sagt, offiziell ‚intrusive Gedanken‘ heißen […] Anscheinend hat jeder solche Gedanken […] aber bei manchen Menschen breitet sich der Gedanke aus, bis er alles andere verdrängt und man nur noch diesen einen Gedanken hat […]“ (S. 48/49)

Schon jahrelang geht Aza regelmäßig zu ihrer Therapeutin Dr. Karen Singh, allerdings hilft ihr das eher wenig.

Azas Freundin Daisy kennt Aza schon sehr lange und weiß genau über ihre Ängste Bescheid. Und obwohl die beiden sehr unterschiedlich sind, Aza ängstlich und still, Daisy aufgeweckt und ausgelassen, sind sie gute Freunde.

„‚Wie viel Sorgen muss ich mir machen, weil du den ganzen Tag noch keine zwei Worte am Stück gesagt hast?‘ ‚Gedankenspirale‘, murmelte ich. Daisy kannte mich, seit ich sechs war – lange genug, um Bescheid zu wissen.“ (S. 13)

Eines Tages bekommt Daisy mit, dass der Milliardär Russel Pickett spurlos verschwunden ist. Sie findet das besonders aufregend, weil Aza vor einigen Jahren mit seinem Sohn, Davis Pickett, in einem Ferienlager war.

„‚Sein Vater sollte wegen Korruption oder so was verhaftet werden, aber in der Nacht, als sie ihn verhaften wollten, ist er abgetaucht. Auf seinen Kopf sind 100 000 Dollar ausgesetzt.‘“ (S. 9)

Aza interessiert diese Meldung erst mal nicht besonders, aber Daisy lässt nicht locker und überredet Aza schon bald, sich mit ihr auf das riesige Anwesen des Milliardärs zu schleichen, um neue Hinweise zu finden.

„Im Hintergrund sah ich die gepflegten Rasenflächen des Pickett´schen Golfplatzes, und dahinter erhob sich eine Villa aus Glas und Stahl, die irgendeine berühmte Architektin gebaut hatte.“ (S. 31)

Doch dort angekommen werden Aza und Daisy von einem Wachmann namens Lyle aufgehalten, der die beiden, nachdem sie sagen, sie seien Freunde von Davis, mit einem Golfwagen zu ihm bringt.

„Wir fuhren um den Pool herum zu einem weiteren gepflasterten Stück, und dort lag Davis Pickett auf einer Liege.“ (S. 35)

Aza unterhält sich etwas mit Davis, der sich sogar an sie erinnern kann, und er erzählt ihr, dass er seinen Vater nicht sonderlich mag und mit seinem Verschwinden kein großes Problem hat. Seitdem lebt er mit seinem kleinen Bruder Noah und den Bediensteten alleine in der Villa, denn seine Mutter ist schon vor langer Zeit gestorben.

„‚Mein Vater ist ein Riesenarsch. Er hat sich aus dem Staub gemacht, bevor er verhaftet wurde, weil er ein Feigling ist.‘“ (S. 39)

Davis und Aza verstehen sich sehr gut und am Ende des Treffens tauschen die beiden sogar ihre Telefonnummern aus.

Nach weiteren Treffen bemerkt Aza schnell, dass sie Davis wirklich mag. Doch eine feste Beziehung ist für sie wegen ihrer Angstgedanken undenkbar. Und dann ist da ja auch noch Russel Pickett….

Mir gefällt das Buch gut.

Erst einmal gibt die Geschichte einen wirklich sehr guten Einblick in Azas Leben mit ihrer Bakterienphobie. Als Leser ohne eine solche Angststörung kann man ihre Angst zwar nicht nachvollziehen, merkt aber, wie schwierig sie es im alltäglichen Leben haben muss und kann sich gerade durch die Erfahrung der Coronapandemie gut in sie hineinversetzen.

Die einzelnen Figuren finde ich persönlich sehr gelungen. Besonders Daisy ist meiner Meinung nach interessant. Man merkt während des Lesens, dass es nicht leicht für sie ist, mit Azas Angststörung umzugehen. Sie beschwert sich, dass Aza oft egoistisch ist und sich gar nicht mit dem Leben ihrer Freundin auseinandersetzt.

„Angeblich sind wir beste Freundinnen, Holmesy, aber du weißt nicht mal, ob ich ein Haustier habe, verdammt noch mal. Du hast keine Ahnung, wie mein Leben ist. Du bist so krankhaft unneugierig, dass du nicht mal weißt, was du nicht weißt.“ (S. 213)

Ich persönlich kann Daisy verstehen und ihre Gefühle nachvollziehen, andererseits verstehe ich natürlich auch Aza.

An manchen Stellen, besonders wenn beschrieben wird, wie Aza ihre Schwiele aufmacht, wurde mir persönlich etwas mulmig zumute. Andererseits finde ich es natürlich auch gut, dass die Probleme von Aza so genau dargestellt werden. Etwas empfindsame Leser warne ich an dieser Stelle trotzdem schon einmal vor ;).

Insgesamt empfehle ich „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ weiter.

Hinterlasse einen Kommentar