
Der Roman „Heul doch nicht, du lebst ja noch“ von Kirsten Boie ist 2022 im Oetinger Verlag erschienen. Er hat 192 Seiten und eignet sich für Kinder ab 14 Jahren.
Das Buch handelt von drei Jugendlichen in Hamburg, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Da ist einmal der vierzehnjährige Hermann, der zusammen mit seinen Eltern lebt. Sein Vater, ein überzeugter Nationalsozialist, hat im Krieg beide Beine verloren.
„‚Er hat keine Beine mehr, weißt du, haben sie ihm weggeschossen. Alle beide, großer Mist. Er sitzt den ganzen Tag auf dem Küchensofa und brüllt rum. Und er kommt doch nirgendwohin!“ (S. 141)
Hermann hat die Aufgabe, ihn regelmäßig auf die Toilette zu tragen.
„Alle zwei Stunden soll er nach dem Vater sehen, das hat er versprochen. Um zu gucken, ob er ihn nach unten tragen muss, ins Zwischengeschoss, wo auf der halben Treppe die Toilette für ihre vier Mietparteien ist. Wie sollte der Vater da sonst wohl hinkommen?“ (S. 13)
Hermann belastet die ständige Fürsorge für seinen Vater sehr. Er regt sich oft über seine Pflicht auf und fühlt sich nicht frei.
„‚Das ist niemals zu Ende, das ist für immer! Und ich kann niemals weggehen, das ist die Wahrheit. Niemals. Niemals! […] Kannst du dir vorstellen, wie das ist?‘“ (S. 142)
Dann ist da auch noch Traute.
Sie ist die Tochter eines Bäckers. Ihre Familie hat den Krieg gut überstanden und sie lebt in einer unzerstörten Wohnung.
„‚Wir haben so ein Glück gehabt!‘, sagt ihre Mutter immer wieder […] Weil keine Bombe sie getroffen hat, bei keinem der vielen Angriffe, während um sie herum die Straßen in Schutt und Asche zerfallen sind.“ (S. 29)
Trotzdem ist Traute oft unglücklich. Sie sehnt sich nach ihrem alten Leben und besonders nach ihren verstorbenen Freundinnen.
„Nichts ist ja mehr, wie es war, keine Häuser mehr in der Straße, keine Freundinnen mehr […] an Elli und Renate will sie nicht denken. Die hat man nicht mehr gefunden, nachdem die Feuerwalze durch die Straßen getobt war […]“ (S. 53/54)
Zuhause hat Traute keine Rückzugsmöglichkeit, weil eine Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen bei ihnen untergekommen ist.
„Die Mutter aus Lyck mit ihren zwei kleinen Kindern und der immer hustenden Großmutter, die noch mit einem der letzten Schiffe vor der Roten Armee in den Westen geflüchtet ist, macht im Wohnzimmer keinen Mucks. Das Wohnzimmer gehört jetzt denen.“ (S. 27)
In ihrer Langeweile versucht Traute, sich den spielenden Jungen, darunter auch Hermann, in ihrem Viertel zu nähern. Aber sie lassen sie nicht mitspielen.
„Keine Schule, so lange schon nicht. Immer nur im Laden und in der Backstube helfen. Und wenn sie dann endlich nach draußen darf, lässt dieser grässliche Hermann sie nicht mitmachen.“ (S. 11)
Und dann gibt es auch noch Jakob. Er lebt alleine in einem zerbombten Haus.
„[…] auf den ersten Blick sah es aus, als stünde nur noch die Fassade. Aber wenn man genauer hinsah, gab es auch noch Geschossdecken, Zimmerwände, in manchen Fensterrahmen blitzen sogar noch Scherben von Fensterglas auf, wenn der Mond für einen Augenblick hinter den Wolken auftauchte.“ (S. 29/30)
Jakobs Mutter ist Jüdin und wurde nach Theresienstadt deportiert, sein Vater ist tot. Nach ihrem Abtransport ist Jakob nicht zu seinen Großeltern gegangen, wie sie es ihm geraten hatte, sondern lebte einige Zeit lang bei seinem Nachbar Herrn Hofmann. Er war es auch, der Jakob die Ruine gezeigt hat, als er ihn in seiner eigenen Wohnung nicht mehr sicher verstecken konnte.
„‚Da bist du sicher!‘, hat er gesagt. ‚Das glaubt keiner, dass es in so einer Ruine noch einen bewohnbaren Raum gibt. Und wenn sie dich nicht mehr in meiner Wohnung aufstöbern können, bin ich auch sicherer […]‘“ (S. 16/17)
Herr Hofmann bringt Jakob jeden Tag Essen vorbei und unterhält sich mit ihm.
„‚Ich komme regelmäßig und bringe dir zu essen.‘“ (S. 31)
Doch Jakob ist sehr in Sorge, denn Herr Hofmann war schon mehrere Tage nicht mehr bei ihm. Und er kriegt langsam Hunger.
„Jakob wartet. Wenn Herr Hofmann in dieser Nacht wieder nicht kommt, dann wäre es das zweite Mal.“ (S. 6)
Allerdings weiß Jakob nicht, dass der Krieg vorbei ist. Und als er sich in seiner Verzweiflung selber auf die Suche nach Nahrung begibt, trifft er auf Traute und Hermann…
Ich finde das Buch ganz in Ordnung.
Der ständige Perspektivenwechsel ist interessant. Weil jedes Kind ein anderes Problem hat (bei Hermann ist es zum Beispiel sein Vater, bei Jakob dagegen die Suche nach Nahrung), ist die Geschichte sehr spannend und wird nicht langweilig.
Ich würde sagen, dass das Buch nichts Besonderes ist. Es gibt viele Bücher über den Zweiten Weltkrieg und „Heul doch nicht, du lebst ja noch“ sticht nicht sehr aus der Menge heraus.
Insgesamt habe ich aber nichts Negatives an dem Roman auszusetzen.