
Der Roman „Nachrichten von Micah“ von Alison McGhee ist 2022 in deutscher Übersetzung in der dtv Verlagsgesellschaft erschienen. Er hat 249 Seiten und eignet sich für Kinder ab 14 Jahren.
Das Buch handelt von zwei Jugendlichen namens Sesame und Micah, die schon seit einiger Zeit ein Paar sind und in Minneapolis, einer Stadt in der USA leben.
Die achtzehnjährige Sesame Gray wohnte bis vor zwei Jahren bei einer Pflegemutter, die sie nur „Großmutter“ nannte. Großmutter starb jedoch an einer Herzkrankheit.
„Woran meine Großmutter gestorben ist? An Herzinsuffizienz infolge einer Lungenentzündung, von der ich nicht einmal wusste, dass sie sie hatte.“ (S. 109)
Da sie beim Tod der Großmutter noch nicht volljährig war, hat sie niemandem verraten, wo sie wohnt. Sie hält sich in einer verlassenen Garage versteckt, von der nur Micah weiß.
„Mein Haus ist eine Einzelgarage in dem Stadtviertel East Calhoun. Wo genau, sag ich dir nicht.“ (S. 114)
Der Tod der Großmutter hat Sesame sehr mitgenommen. Noch immer ist sie oft traurig und muss immer wieder an ihr altes Leben zurückdenken.
„Als meine Großmutter starb, bin ich in ein Loch gefallen. Niemand war da, der ihre Stelle hätte einnehmen können, keine Ersatzgroßmutter.“ (S. 93)
Micah gibt Sesame jedoch Halt und zusammen fühlen sie sich unbesiegbar. Die beiden haben jede Menge gemeinsame Pläne für die Zukunft.
„Wir wollen unser eigenes Floß bauen und damit im Sommer den Minnehaha Creek in Richtung Wasserfälle hinuntertreiben, so weit wir kommen. Wir wollen lernen, mit Feuer zu jonglieren […] wir wollen in Minneapolis ein Café eröffnen.“ (S. 82)
Micah selbst wohnt mit seinen Eltern Sandra und Rick Stone zusammen. Auch er hat es nicht immer leicht, denn seine Eltern folgen seit einigen Jahren einer Sekte namens „Lebendes Licht“. Der Leiter der Sekte hat sich selbst zum „Propheten“ ernannt.
„Ich meine, bis zu meinem dreizehnten Geburtstag waren meine Eltern völlig normale Leute. An dem Tag klopfte der Prophet bei uns an die Tür, während alle gerade Happy Birthday für mich sangen.“ (S. 36)
Micahs Eltern haben für diese Sekte bereits ihren Job aufgegeben und warten darauf, vom Propheten gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Sekte zum sogenannten „Südkomplex“ gebracht zu werden, einem Gebäude, in dem sich die Sekte vor der säkularen Welt zurückziehen will.
„Der Prophet hatte in letzter Zeit Andeutungen gemacht, dass für die Lebenden Lichter die Zeit bald gekommen sein würde, um mit Phase Zwei des Projekts zu beginnen. Von dem Geld, das er bei seinen Anhängern eingesammelt hatte, habe er ein verlassenes, leer stehendes Gebäude irgendwo im Süden von Minneapolis gekauft […] Daraus solle eine Art Einkehrzentrum für die Lebenden Lichter werden.“ (S. 11)
Micah nimmt den Propheten nicht ernst und lacht oft über ihn, wenn er mit Sesame zusammen ist. Insgeheim macht er sich aber auch Sorgen um seine Eltern und auch Sesame hat Angst vor dem weiteren Vorgehen des Propheten.
„‚[…] er hat immer gelacht, wenn er davon erzählt hat, wie langweilig dieser Prophet ist und dass er bei den Vorträgen immer fast einschläft.‘ Es sollte wohl so klingen, als wäre das alles nicht so schlimm […]“ (S. 24)
Doch ihre Angst wird wahr: Eines Tages werden Micah und seine Eltern von der Sekte aufgefordert, dem Propheten in den „Südkomplex“ zu folgen.
„‚Hol deine Eltern und eure Taschen, und dann kommt mit […] Zum Südkomplex. Wir haben den Ruf erhalten.‘“ (S. 9)
Als Micah versucht, sein Handy mitzuschmuggeln, um in Kontakt mit Sesame bleiben zu können, wird er erwischt.
„‚Handy her!‘, forderte er mit triumphierender Stimme.“ (S. 14)
Die Fahrt zum Südkomplex fühlt sich für Micah sehr lange an. Er hat Angst, weil Sesame nicht weiß, wo er ist.
„Der Prophet hatte gelogen, als er behauptete, er habe ein verlassenes Gebäude im Süden von Minneapolis gekauft. Wir sind alles andere als in der Nähe von Süd-Minneapolis […] Ich weiß nicht, wo wir sind. Ich weiß nicht, wo wir sind, Sesame.“ (S. 15)
Als Micah und seine Eltern endlich im Südkomplex angekommen sind, wird Micah sofort in die Waschküche gesperrt und muss die weißen Gewänder der Sektenmitglieder waschen.
„Jeder hier trägt weiße Gewänder, dazu weiße Unterwäsche und weiße Socken, und rate mal, wer das alles waschen muss? Von Hand? Mit einem Waschbrett und zwei Waschwannen? Genau.“ (S. 40)
Im Laufe der Zeit geht es Micah immer schlechter. Er ist im Waschraum eingesperrt und bekommt kein Essen und Trinken.
„Inzwischen gehen Tage und Nächte für mich ineinander über. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schon hier unten sind.“ (S. 99)
Micahs Eltern trauen sich nicht, mit ihm zu reden oder ihm zu helfen, weil sie so stark vom Propheten unterdrückt werden.
Doch Sesame spürt sofort, dass Micah verschwunden ist und es ihm nicht gut geht.
„‚Micah ist verschwunden. Wir waren gestern Abend verabredet, aber er ist nicht gekommen […] Er steckt in Schwierigkeiten […] Ich spür´s.‘“ (S. 17)
Sesame hat panische Angst um Micah und weiß erst mal nicht, wie sie vorgehen soll.
„Ich bin allein. Micah ist fort. Meine Großmutter ist fort. Ich bin allein. Oh mein Gott. Oh mein Gott.“ (S. 31)
Doch Sesames Freunde Inky und Sebastian helfen ihr sofort mit Suchen. Die drei gehen nicht nur zur Polizei, sondern hängen sogar Plakate auf und stellen ein Bild von Micah in die sozialen Netzwerke.
„Die Vermisstenmeldung hast du schon aufgegeben […] Die sozialen Medien hast du Inky und Sebastian überlassen. Als Nächstes entwirfst du Flyer – Foto, Beschreibung, ab wann vermisst, bitte benachrichtigen – und verteilst sie.“ (S. 48)
Werden sich Micah und Sesame jemals wieder sehen…?
Ich finde den Roman ganz in Ordnung.
Die Idee hinter der ganzen Geschichte ist sehr interessant. Ich kenne kein Buch über Sekten und das Thema war für mich sehr spannend.
Die abwechselnde Perspektive aus Micahs und Sesames Sicht ist sehr passend. So weiß man gleichzeitig, was bei Micah im Südkomplex und was bei Sesame in Minneapolis passiert.
Leider ist der mittlere Teil meiner Meinung nach zu lang. Die Suche nach Micah wird viel zu lange beschrieben und es passiert nicht wirklich etwas Neues.
An manchen Stellen finde ich die Beziehung zwischen Micah und Sesame etwas übertrieben dargestellt. Natürlich macht sich Sesame Sorgen um Micah, aber ob sie wirklich spürt, dass es ihm schlechtgeht und wo er ist, bezweifle ich…
Das Titelbild finde ich ganz in Ordnung, der Titel „Nachrichten von Micah“ gefällt mir aber auch nicht besonders. Er hat schon etwas mit dem Roman zu tun, ich persönlich finde den Titel der Originalausgabe „Where we are“ aber deutlich passender.
Insgesamt würde ich „Nachrichten von Micah“ nur wegen des interessanten Themas weiterempfehlen.