
Der Roman „Flügel aus Papier“ von Marcin Szczygielski ist 2015 in deutscher Übersetzung im S. Fischer Verlag erschienen. Er hat 285 Seiten und eignet sich für Kinder ab 10 Jahren.
Der Roman handelt von dem achtjährigen Rafał Grzywiński, der gemeinsam mit seinem Großvater im Jahre 1942 im Warschauer Ghetto lebt.
„Es gab einmal keinen Krieg und auch keinen Bezirk. Man konnte einmal aus der Stadt hinausfahren aufs Land, in den Wald, an den Fluss oder sogar ans Meer.“ (S. 26)
Rafałs Eltern sind nach Afrika ausgewandert, als er drei Jahre alt war. Er und sein Großvater sollten eigentlich nachkommen, wenn seine Eltern ein Haus eingerichtet hatten, doch dann kam der Krieg und Rafał und sein Großvater mussten in das Ghetto ziehen.
„Meine Eltern sind nach Afrika ausgewandert, als ich drei war, da bin ich zu Großvater gezogen.“ (S. 27)
Rafał und sein Großvater besitzen nicht viel und haben nur wenig Geld. Rafałs Großvater ist Geiger und spielt oft auf der Straße, um wenigstens etwas zu verdienen. Außerdem gibt er für fünf Zloty die Stunde Geigenunterricht.
„Großvater ist Geiger und war vor dem Krieg eine richtige Berühmtheit […] aber […] wir brauchen nun einmal Geld, und Großvater kann es nur mit seiner Geige verdienen.“ (S. 24/25)
Rafał sitzt die meiste Zeit im Haus herum, denn es ist zu gefährlich für ihn, den ganzen Tag alleine draußen herumzulaufen.
„Ich gehe nur selten vor die Tür, weil Großvater mich nicht lässt. Er sagt, er hätte meinen Eltern geschworen, gut auf mich aufzupassen, und er wolle nicht, dass ich durch den Bezirk springe, das könnte nämlich gefährlich für mich sein.“ (S. 22)
Trotzdem hilft Rafał auch zu Hause, wo er kann und ist nicht untätig, um seinen Großvater so gut es geht zu unterstützen.
„Dass ich zu Hause sitze, bedeutet aber nicht, dass ich untätig bin, ich habe viele wichtige Aufgaben zu erledigen! Zum Beispiel putze ich unsere Zimmer, und manchmal, wenn es etwas zu kochen gibt, bereite ich in der Küche unser Essen zu.“ (S. 25)
Doch auch Rafał möchte sich manchmal zurückziehen und die Welt um ihn herum vergessen. Und das tut er beim Lesen von Romanen, die er regelmäßig aus der Bibliothek ausleiht. Außerdem denkt Rafał oft über mögliche Erfindungen nach und hat viele eigene Ideen, die er eines Tages vielleicht in die Wirklichkeit umsetzen kann, so hofft er jedenfalls.
„Außerdem lese ich natürlich und mache mir viele Gedanken. Über Erfindungen […] Manchmal erzähle ich Großvater von meinen Ideen, und er hat mich noch kein einziges Mal ausgelacht, obwohl manche wirklich verrückt sind.“ (S. 26)
Außer den neuen Büchern aus der Bibliothek hat Rafał in seinem Alltag keine Abwechslung. Doch das ändert sich schlagartig, als Großvater Rafał erzählt, er würde bald in die Ferien fahren.
„‚Du wirst bei einer Frau in Gocław wohnen. Auf einem Bauernhof. Es ist schon alles abgesprochen.‘“ (S. 68)
Rafał wundert sich sehr, doch als er erfährt, dass sein neues Zuhause nicht mehr im Bezirk sein wird, hat er Angst, erwischt zu werden, da er das Ghetto ja nicht verlassen darf. Doch Großvater gibt Rafał eine Geschichte vor, die er erzählen soll, wenn ihn jemand nach seinem Namen oder seiner Herkunft fragt.
„‚Viele Menschen kennen mich noch aus der Zeit vor dem Krieg und könnten dich mit mir in Verbindung bringen […] Deswegen müssen wir uns für dich eine neue Lebensgeschichte ausdenken, und du kannst nicht mehr Grzywiński heißen […]‘“ (S. 69)
Rafał ist sehr traurig und hat Angst, weil er Großvater nicht alleine zurücklassen möchte. Aber Großvater möchte nur das Beste für Rafał und duldet nicht, dass er noch länger im Ghetto bleibt.
„‚Man erzählt sich schlimme Sachen darüber, was hier noch vor sich gehen könnte. Das ist sicher nur Gerede, aber wir wollen es lieber nicht darauf ankommen lassen […]‘“ (S. 69)
Rafał bemerkt schnell, dass es ihm nichts bringt, zu diskutieren. Es bleibt bei Großvaters Entschluss.
So gehen die beiden noch am gleichen Tag zu einer Frau namens Stella, die Rafał aus dem Bezirk führen soll. Für Rafałs Flucht muss Großvater mit seiner Geige bezahlen.
Doch es ist nicht einfach, aus dem Ghetto zu fliehen. Wird Rafał es schaffen, zu entkommen…?
Im Laufe des Buches wird Rafałs Flucht beschrieben. Dabei wird besonders erzählt, wie er von vielen Menschen Hilfe bekommt, aber auch oft abgewiesen wird.
Mir gefällt das Buch nicht so gut.
Rafałs Flucht ist interessant, was auch daran liegt, dass er noch relativ klein ist und noch nicht genau weiß, was um ihn herum passiert. Auch die Berichte über den Alltag im Ghetto finde ich geschichtlich gesehen sehr wissenswert.
Die Grenze zwischen Realität und Phantasie ist im Roman oft nicht eindeutig. Besonders gegen Ende war mir die Handlung zu verwirrend.
Die Verbindung mit dem Roman „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells, den Rafał in der Geschichte auch liest, finde ich zwar interessant, aber nicht sehr bedeutsam für die Handlung.
Besonders in der Mitte des Buches habe ich mich manchmal gelangweilt, weil nicht wirklich viel mit Rafał passiert ist.
Während des ganzen Romans hat es mich sehr gestört, nicht zu wissen, ob Rafał dies alles wirklich erlebt oder ob er nur träumt. Vielen kann diese Mischung aus Realität und Phantasie gefallen, mich hat es aber eher genervt.
Ich würde „Flügel aus Papier“ nicht weiterempfehlen.