
Der Roman „Marthas Boot“ von Polly Horvath ist 2021 in deutscher Übersetzung im Verlag Freies Geistesleben erschienen. Er hat 245 Seiten und eignet sich für Kinder ab 11 Jahren.
Das Buch handelt von den vier Schwestern Fiona McCready, vierzehn Jahre alt; Marlin McCready, zwölf Jahre alt; Natasha McCready, zehn Jahre alt und Charlie McCready, acht Jahre alt, deren Eltern Missionare waren. So zogen sie durch die ganze Welt und blieben nie lange an einem Platz.
„Die McCready-Schwestern […] waren in einer Missionarsfamilie aufgewachsen. Fröhlich und sorgenfrei waren sie von einem Posten zum nächsten durch die ganze Welt gezogen […]“ (S. 9)
Die Familie machte nie Urlaub, bis ein Onkel die Eltern der vier Schwestern in sein Hotel in Thailand einlud.
„Ein älterer Onkel hatte ihnen eine kleinere Geldsumme zukommen lassen und sie nach Thailand in sein kleines Hotel eingeladen, da es ihm ‚zu schaffen machte‘, dass ihnen nicht einmal Flitterwochen vergönnt gewesen waren.“ (S. 9)
Während des Urlaubs der Eltern lebten die Schwestern auf Borneo und wurden von einer kirchlichen Mitarbeiterin versorgt.
„Zu der Zeit lebten die Mädchen auf Borneo im tiefsten Dschungel in einem Häuschen ohne Internet oder Telefonverbindung, wo sie von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Kirche versorgt wurden.“ (S. 9)
Doch dann passierte das Schreckliche: Die Eltern und der Onkel der McCready-Schwestern wurden zusammen mit dem Hotel von einem Tsunami fortgeschwemmt.
Fiona, Marlin, Natasha und Charlie leben seitdem bei Mrs Weatherspoon, die sich um die Mädchen kümmert und sämtliche Verwandten anschreibt, um zu fragen, ob sie die vier Kinder aufnehmen möchten.
„Deshalb sandte die Kirche eine Mrs Weatherspoon aus Australien zu ihnen, die so lange bei ihnen bleiben sollte, bis die Familie eine Lösung gefunden hatte […] Mrs Weatherspoon sandte Anfragen an sämtliche Verwandten, die sie und die Kinder ausfindig machen konnten […]“ (S. 9)
Nur ihre Großtante Martha, die vor der Küste von British Columbia wohnt, wird nicht gefragt, da die Mutter der vier Schwestern sie immer als seltsam bezeichnete.
„Die Mutter der Mädchen hatte sie, wenn sie Marthas jährlichen Weihnachtsgruß öffnete, stets als ‚die seltsame Frau, die sich in den Wäldern versteckt‘ bezeichnet. Mrs Weatherspoon sagte, sie sollten sich die Tante als letzten Ausweg aufsparen, denn sicherlich würde sich vorher jemand Passenderes melden.“ (S. 9/10)
Die Mädchen sind die ganze Zeit über sehr bedrückt und müssen den plötzlichen Tod ihrer Eltern erst einmal verarbeiten.
„Es war ein sehr trauriges Jahr, doch immerhin warteten die Mädchen gespannt auf die Nachricht, wie es schließlich mit ihnen weitergehen sollte.“ (S. 10/11)
In dieser Zeit wird besonders Fiona sehr erwachsen und übernimmt die Rolle der Mutter. Ihre Schwestern haben so das Gefühl, es würde alles gut werden.
Dennoch stellt sich schon bald heraus, dass kein einziger Verwandte die vier Mädchen aufnehmen möchte, sodass Mrs Weatherspoon schließlich doch Tante Martha anschreibt.
„Es stellte sich heraus, dass keines der vier Tante-Onkel-Paare die Kinder wollte […] Als das Jahr, das sie mit den Mädchen verbringen sollte, sich dem Ende näherte, schrieb […] Mrs Weatherspoon […] schließlich doch an Martha McCready.“ (S. 13/14)
Besonders Mrs Weatherspoon verliert während des Wartens auf eine Antwort der Tante die Hoffnung. Und auch die Mädchen haben Angst vor ihrer Zukunft.
„‚Ihr werdet getrennt und möglicherweise in Pflegefamilien irgendwo in den USA gesteckt. Hunderte von Meilen voneinander entfernt.‘“ (S. 15)
Doch schon nach wenigen Tagen erhalten die Mädchen die rettende Nachricht: die Zusage von ihrer Großtante Martha.
Sofort beginnen die vier mit dem Packen. Tante Martha soll die Schwestern am Flughafen von Shoreline abholen.
„Viele Flugzeugwechsel und viele Jetlag-Stunden später landeten die Mädchen endlich auf dem Flughafen von Shoreline […] Sie […] begaben sich nun direkt zu dem Gepäckförderband, wo ihre Großtante sie abholen wollte.“ (S. 21)
Doch auch nach langem Warten kommt niemand auf die Schwestern zu.
„[…] niemand kam auf sie zu. Hoffnungsvoll musterten sie jede alte Dame, die vorbeikam, doch keine von ihnen erkannte sie oder sprach sie an.“ (S. 21)
Die Mädchen erklären sich diese Verspätung zunächst als Stau, doch als die Tante auch nach mehreren Stunden nicht kommt, beschließen die vier, einfach selber mit dem Taxi zu ihrer Adresse zu fahren.
„‚Wir fahren mit dem Taxi zu ihrer Adresse‘, beschloss Fiona […] Sie waren von der Reise, die neununddreißig Stunden gedauert hatte, erschöpft, und außer dem Taxifahrer hatte niemand einen Einwand.“ (S. 22)
Doch auch als die Schwestern an ihrem Haus ankommen, erwartet sie niemand. Nur die Küchenschränke sind voll mit Essen. Am nächsten Tag beschließen die vier, die Nachbarn von Tante Martha zu fragen, wo sie abgeblieben war. Und obwohl sie vom Haus selbst keine anderen Häuser oder Menschen sehen können, stoßen sie schon bald auf einen heruntergekommenen Wohnwagen.
„Als Erstes stießen sie auf ein kleines freies Grundstück, auf dem ein Wohnwagen stand. Ein Fliegengitter hing halb losgelöst an einem Fenster, die Stufen, die zur Tür führten, waren kaputt, und auf der Wiese standen ein alter Kühlschrank und eine Badewanne.“ (S. 27)
Der Bewohner des Wagens ist sehr unhöflich zu den Mädchen, stellt sich aber mit Al Farber vor. Er erzählt ihnen, dass Tante Martha mit nur sechzig Jahren vor nur einigen Tagen im Baumarkt an einem Herzinfarkt gestorben ist. Er habe das Angelzeug geerbt, die vier Mädchen dagegen das ganze Grundstück und Tante Marthas restliches Besitz.
Als die Mädchen wieder im Haus sind, überlegen sie, wie es jetzt weitergehen soll. Sie möchten auf keinen Fall Mrs Weatherspoon informieren, da sie sonst sicher das Jugendamt zu ihnen schicken würde. Nach einigem Diskutieren beschließen die vier, so lange es geht einfach ohne einen Erwachsenen zu leben. Stattdessen möchte Fiona die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen.
„‚Wir haben alles, was wir brauchen. Das Einzige, was andere zusätzlich für nötig befinden werden, ist eine erwachsene Person. Ich bin aber der Meinung, dass ich für uns sorgen kann. Wir brauchen keinen Erwachsenen.‘“ (S. 35)
Damit sind alle einverstanden. Sie möchten mit niemandem über ihre Familie reden und schwören sich gegenseitig, nicht zu verraten, dass sie alleine leben.
Doch schon bald merken die McCready-Schwestern, dass ihre Überlegungen nicht so einfach in die Tat umzusetzen sind. Sie beschließen, dass sie jemanden brauchen, der sich als ihr Vormund ausgibt.
Doch niemand kann ahnen, was noch alles auf die Familie zukommt…
Ich finde das Buch nicht so gut.
Es ist interessant und unterhaltsam, aber auch beeindruckend, wie die Mädchen alleine an einem neuen Ort, einer neuen Schulen und mit neuen Freunden auskommen. Ihr Leben ist aber sehr unvorstellbar, besonders, wenn man sich überlegt, wie schnell man dahinterkommen müsste, dass die vier alleine leben.
Es werden zwar auch Probleme, beispielsweise beim Bezahlen der Steuer, beschrieben, aber es scheint so, als würden die Geschwister zu wenig Probleme haben. Auch haben die vier total viel Zeit, obwohl sie jeden Tag in die Schule gehen und auch Hausaufgaben aufhaben oder für Arbeiten lernen.
Der Anfang des Buches, in dem die Vorgeschichte der Familie erzählt wird, ist sehr schnell und nicht sehr detailliert. Ich musste die ersten fünf Seiten mehrmals lesen, um hundertprozentig zu verstehen, wo die Mädchen lebten, wo die Eltern lebten usw.
Das Ende finde ich auch nicht sehr gelungen. Plötzlich verschwinden alle Probleme wie von selbst und alles wird gut.
Wenn man beim Lesen das Leben der Mädchen nicht genau hinterfragt, mag der Roman sehr unterhaltsam sein. Ich persönlich finde „Marthas Boot“ aber nicht so gut.