
Der Roman „Calpurnias faszinierende Forschungen“ von Jacqueline Kelly ist 2015 in deutscher Übersetzung im Carl Hanser Verlag erschienen. Er hat 384 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.
Das Buch handelt von einem zwölfjährigen Mädchen namens Calpurnia Virginia Tate, das im Jahre 1900 in Fentress in Texas lebt. Sie wird jedoch von den meisten nur Callie Vee genannt.
„Mit vollem Namen heiße ich Calpurnia Virginia Tate, doch damals nannten mich die meisten nur Callie Vee, abgesehen von Mutter, wenn sie mich tadelte, und Großpapa, der Spitznamen grundsätzlich ablehnte.“ (S. 8)
Calpurnia ist das einzige Mädchen in ihrer Familie. Mit ihr wohnen ihre sechs Brüder Harry, Sul Ross, Lamar, Sam Houston, Travis und Jim Bowie.
„Travis und ich […] nahmen unsere Plätze bei Tisch ein, zwischen meinen anderen Brüdern: Harry (dem ältesten, der auch mein Lieblingsbruder war), Sam Houston (dem stillsten), Lamar (einer schrecklichen Nervensäge), Sul Ross (dem zweitstillsten) und Jim Bowie (dem mit seinen fünf Jahren jüngsten und lautesten).“ (S. 17)
Außer den Kindern wohnt auch Calpurnias Großvater Walter Tate im Haus. Er lebt jedoch etwas abgeschottet und Calpurnias Brüder haben sogar etwas Angst vor ihm.
Walter beschäftigt sich hauptsächlich mit der Natur und mit unterschiedlichen Pflanzen– und Tierarten. Deshalb meiden ihn auch die anderen Bewohner in Fentress lieber.
„[…] viele in Fentress […] hielten […] Captain Walter Tate […] für einen schrulligen, ungeselligen alten Spinner […] Irgendwann hatte er […] beschlossen, den letzten Abschnitt seines Lebens den Wissenschaften und dem Studium der Natur zu widmen.“ (S. 8/9)
Auch Calpurnia interessiert sich durch ihren Großvater sehr für die Natur und lernt vieles von ihm. Gemeinsam gehen die beiden auf Streifzüge und beobachten zusammen Tiere.
„Dann folgte ich Großpapa, ausgerüstet mit einem Schmetterlingsnetz, einer Ledertasche, meinem wissenschaftlichen Notizbuch und einem stets griffbereiten, frisch gespitzten Bleistift, mit dem ich unsere Beobachtungen festhielt.“ (S. 9)
Walter und Calpurnia hatten im vergangenen Jahr sogar eine neue Spezies der Wicke, einer krautigen Pflanze, entdeckt.
„Zusammen hatten wir eine brandneue Spezies einer haarigen Wicke entdeckt, die der Welt inzwischen unter der Bezeichnung Vicia tateii bekannt war.“ (S. 9)
Es gibt allerdings ein Problem: Calpurnia lebt im Jahr 1900 und ihre Mutter Margaret hat ganz andere Pläne für sie. Calpurnia muss jeden Tag Klavier üben, stricken und für die Schule lernen.
„Mein Traum war es, eines Tages in Großpapas Fußstapfen zu treten und Wissenschaftlerin zu werden, doch Mutter hatte andere Pläne für mich: Ich sollte alle häuslichen Pflichten erwerben und mit achtzehn als Debütantin in die Gesellschaft eingeführt werden.“ (S. 10)
Und auch die anderen Bewohner von Fentress und sogar Calpurnias Brüder finden es seltsam, wenn Calpurnia gemeinsam mit ihrem Großvater Tiere beobachtet und die Natur studiert.
So erhält Calpurnia auf die Frage an den Tierarzt von Fentress, Dr. Pritzker, ob sie Tierärztin werden könnte, nicht die Antwort, die sie sich erhofft hat.
„‚[…] davon hab ich noch nie gehört. Es ist eine schmutzige, schwere Arbeit, zu schwer für eine Dame. Mein halbes Leben als Veterinär habe ich damit verbracht, mit Stieren im Dreck zu kämpfen, und während der anderen Hälfte musste ich mich von Mulis treten lassen. Eine Frau kann ich mir unter solchen Umständen kaum vorstellen […]‘“ (S. 202)
Und sogar Calpurnias Bruder Lamar gibt ihr nicht die gleichen Rechte wie sich selbst, nur, weil Calpurnia ein Mädchen ist.
„Lamar kicherte. ‚Warum solltest du denn studieren? Du bist doch bloß ein Mädchen. Du zählst doch fast gar nicht.‘“ (S. 206)
Der einzige Mensch außer Großvater, der das andere Denken von Calpurnia nicht schlimm findet, ist ihr kleiner Bruder Travis. Mit ihm geht Calpurnia auch oft in den Wald, um Tiere zu beobachten.
„Normalerweise zog ich lieber alleine los, weil man so viel besser ahnungslosen Tieren nachspionieren konnte. Doch von all meinen Brüdern war Travis derjenige, der mein Interesse an der Natur am ehesten teilte.“ (S. 11)
Calpurnia findet es dennoch sehr ungerecht, dass sie nicht so behandelt wird wie ihre Brüder und möchte sich wehren. Deshalb fragt sie eines Tages beim Abendessen, als ihr Vater zu ihr meint, sie würde anstatt ihrer Brüder nur ein Jahr an ein College kommen, weil dies für das Lehrerinnendiplom reichen würde, was daran gerecht sei.
„Plötzlich tauchte in meinem Kopf eine Frage auf, von der mir im selben Moment klar war, dass ich sie schon immer stellen wollte, solange ich lebte. ‚Was ist daran gerecht?‘, fragte ich. Mutter und Vater starrten mich an, als wäre mir plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen.“ (S. 206)
Als dann auch noch Calpurnias Cousine Aggie einzieht, weil ihr Haus durch ein Hochwasser zerstört wurde, ist das Chaos komplett.
Wie wird sich Calpurnia wohl entwickeln und was wird sie noch mit ihrem Großvater in der Natur erleben…?
Im Laufe des Buches wird besonders beschrieben, wie Calpurnia als das einzige Mädchen in ihrer Familie zurechtkommt und wie sie gemeinsam mit ihrem Großvater Tiere und Pflanzen entdeckt. Auch von dem Verhältnis von Calpurnia zu Aggie wird berichtet.
Mir gefällt der Roman sehr gut. Calpurnias Rolle als einziges Mädchen in ihrer Familie im Jahr 1900 ist interessant, aber auch erschreckend. Nach dem Lesen denkt man viel intensiver über dieses Thema nach, auch, weil in manchen Ländern die Frauen noch immer nicht die gleichen Rechte wie Männer haben.
Aber auch die Beobachtungen in der Natur sind sehr interessant. Im Buch fallen viele Fachwörter und so manch einer kann noch etwas dazulernen.
Nicht nur inhaltlich ist das Buch gut. Der Schreibstil ist locker und entspannt. Es bereitet keine Mühe, dem Geschehen zu folgen.
Am interessantesten am Roman finde ich persönlich die Technik und insgesamt das Leben im Jahr 1900. Calpurnia stellt sich an vielen Stellen vor, wie es in der Zukunft aussehen könnte. Liest man das Buch in der heutigen Zeit, kann man sich das gar nicht mehr vorstellen:
„Unvorstellbar, mit welchem Aufwand und welchen Kosten so ein Anruf verbunden wäre!“ (S. 69)
„Eines fernen Tages hätte vielleicht jeder von uns sein persönliches Telegrafiergerät, und Freunde könnten einander über einen elektrischen Draht Nachrichten schicken, hin und her, hin und her. Klar, das war ziemlich weit hergeholt, aber trotzdem – ein Mädchen durfte auch mal träumen.“ (S. 76)
„Bei dem Gedanken, man könne Farben auf Fotoplatten einfangen, brach Mr. Hofacket in dröhnendes Gelächter aus.“ (S. 333)
Insgesamt würde ich „Calpurnias faszinierende Forschungen“ auf jeden Fall weiterempfehlen. Das Buch ist mindestens genauso gut wie der erste Band (…) und auch Biologielehrer haben sicher eine Freude an diesem Roman 😉.