
Der Roman „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“ von Jacqueline Kelly ist 2013 in deutscher Übersetzung im Carl Hanser Verlag erschienen. Er hat 408 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.
Das Buch handelt von der elfjährigen Calpurnia Virginia Tate, genannt Callie Vee, die im Jahre 1899 in Fentress in Texas lebt.
Calpurnia wohnt mit ihren Geschwistern, ihren Eltern Alfred und Margaret und ihrem Großvater Walter in einem großen Haus. Das Besondere: Calpurnia ist das einzige Mädchen in ihrer Familie.
„In jenem Sommer war ich elf und das einzige Mädchen unter sieben Geschwistern. Kannst du dir etwas Schlimmeres vorstellen? Ich bildete genau die Mitte zwischen drei älteren Brüdern – Harry, Sam Houston und Lamar – und drei jüngeren – Travis, Sul Ross und Jim Bowie, unserem Jüngsten […]“ (S. 8/9)
Außer den Kindern gibt es natürlich auch noch Walter Tate, Calpurnias Großvater. Vor ihm hat sie großen Respekt, und auch ihre Brüder fürchten sich etwas vor ihm. Walter verbringt seine meiste Zeit im Laboratorium, wo er Experimente und Beobachtungen macht.
„Großvater lebte mit uns unter einem Dach, trotzdem war er so etwas wie eine Schattengestalt […] Er […] verbrachte […] seine Tage mit ‚Experimenten‘ in seinem ‚Laboratorium‘ hinterm Haus […] Wenn Großvater nicht in seinem Laboratorium war, dann war er entweder auf der Jagd nach Insekten für seine Sammlung, oder er hatte sich mit seinen modrigen Büchern in einen dämmrigen Winkel der Bibliothek zurückgezogen […]“ (S. 11)
Eines Tages bekommt Calpurnia ein Geschenk von Harry: ein in rotes Leder eingebundenes Notizbuch. Calpurnia beschließt, in diesem Heft ihre Beobachtungen zu notieren. Denn immer öfter geht sie in die Natur und beobachtet Tiere. Und das sogar mit Erfolg.
„[…] nachdem ich jetzt etwas hatte, das nur mir gehörte und worin ich festhalten konnte, was mir auffiel, sah ich auf einmal Dinge, die ich nie zuvor bemerkt hatte.“ (S. 17)
Durch Calpurnias Entdeckungen kommen natürlich auch viele Fragen auf. So beschließt sie eines Tages, ihren Großvater zu fragen, auch, wenn sie etwas Angst vor ihm hat.
„Als ich mir nicht anders zu helfen wusste, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und ging zu Großvater ins Laboratorium. Ich schob den Sackleinenvorhang beiseite, der als Tür diente, und blieb zitternd auf der Schwelle stehen.“ (S. 20)
Doch Calpurnia hat keinen Grund zum Fürchten. Immer öfter unterhält sie sich nun mit ihrem Großvater über ihre Beobachtungen und langsam verbringt sie sehr viel Zeit mit Experimenten und wissenschaftlichen Büchern. Ganz zum Verdruss ihrer Mutter, denn Calpurnia neigt dazu, ihre Schularbeiten zu vernachlässigen. Und sie hat tagtäglich viel Lernstoff.
„‚Wir haben Lesen, Rechtschreibung, Rechnen und Schönschrift. Ach ja, und Benimmunterricht. Ich hatte ein Befriedigend für Haltung, aber ein Mangelhaft für die Handhabung des Taschentuchs und des Fingerhuts. Mutter war ziemlich unglücklich deswegen.‘“ (S. 41)
Und auch sonst erwartet man von Calpurnia eigentlich nur Lernen, häusliche Tätigkeiten und Stricken. Doch Calpurnia findet all das langweilig und möchte lieber etwas in der Natur entdecken, statt drinnen herumzusitzen.
„[…] was brachte schon das Stricken? Sicher, man erhielt etwas Dekoratives […] doch die Arbeit daran war still und langweilig und eignete sich eigentlich nur für Regentage, an denen man dasaß und nur das gleichmäßige Ticken der Uhr im Salon einem Gesellschaft leistete. Arbeit für graue Mäuse.“ (S. 165)
Und im Vergleich zu anderen Mädchen wie beispielsweise ihrer Freundin Lula ist Calpurnia auch nicht besonders gut in Handarbeiten.
„Lula gewann für ihre Handarbeiten Preise, wohingegen meine eigenen schief und krumm und ein jämmerlicher Anblick waren. Es war mir unbegreiflich, wie hingebungsvoll sie sich beim Sticken in der Schule dem Knötchenstich widmen konnte oder einem in Schiffchentechnik anzufertigendem Spitzenkragen.“ (S. 165)
Ganz zu Calpurnias Verdruss interessiert sich auch ihr Umfeld eher für die „normalen“ Dinge, die ein Mädchen so macht. Auch Lula ist da keine große Hilfe.
„[…] manchmal konnte Lula auch ziemlich langweilig sein. Sie mochte nicht mit mir zum Stauwehr gehen, um nach Insekten oder anderem für meine Sammlung zu suchen [….] und sie mochte auch nicht mit mir zum Schwimmen an den Fluss gehen.“ (S. 163/164)
Der einzige, der Calpurnia unterstützt und ihr Mut macht, ist ihr Großvater. Und trotzdem wird Calpurnia etwas sauer, wenn niemand sie aus ihrer Familie versteht, außer eben Walter.
„Von mir wurde erwartet, dass ich mein Leben einem Haus, einem Ehemann und Kindern widmen würde. Meine Naturbeobachtungen, mein Notizbuch, meinen geliebten Fluss – all das würde ich aufgeben müssen, so war es für mich vorgesehen.“ (S. 267/268)
Nur ihr Großvater kann Calpurnia aufheitern.
„Ich war so dankbar für die seltenen Stunden mit Großpapa.“ (S. 361)
Und eines Tages passiert das Unglaubliche: Bei einer ihrer gemeinsamen Streiftouren entdecken die beiden eine bis jetzt unbekannte Spezies der Wicke, einer krautigen Pflanze. Sofort schreiben sie an die Smithsonian Institution.
Doch haben sich die beiden nicht getäuscht…?
Im Laufe des Buches wird beschrieben, wie Calpurnia gemeinsam mit ihrem Großvater die Tiere und Pflanzen beobachtet und ganz zum Verdruss der anderen zu einer kleinen Wissenschaftlerin wird. Auch über die neue Spezies der Wicke wird berichtet.
Mir gefällt das Buch sehr gut. Der Schreibstil ist sehr flüssig und es ist nicht sehr anstrengend, der Handlung zu folgen.
Man erfährt viel Neues über Pflanzen und Tiere und es fallen auch einige Fachbegriffe, was aber eigentlich nicht stört. So geht es, wie der Titel schon sagt, um die Evolution, also die Entstehung der Arten im Laufe der Weltgeschichte. Gleichzeitig spricht der Titel von einer revolutionären Entdeckung. Damit ist darauf angespielt, dass Calpurnia durch ihre Forschungen und Interessen ein in ihrer Zeit und Umwelt für ein Mädchen völlig ungewöhnliches Verhalten zeigt.
Beim Lesen denkt man auch nochmal viel intensiver über das Leben als Mädchen nach, da die Frauen in vielen Ländern ja immer noch nicht die gleichen Rechte wie Männer haben.
Am interessantesten finde ich persönlich die Beschreibungen über das Leben von Calpurnia, nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause. Man kann sich gut klarmachen, wie die Menschen im Jahre 1899 lebten und welche Unterschiede zur heutigen Zeit herrschen. Da es im Roman auch oft Ausblicke in die Zukunft gibt, sind manche Stellen sehr unterhaltsam:
„Hinzu kamen seine Prognosen für die Zukunft, wie zum Beispiel, dass der Mensch eines Tages Flugmaschinen bauen und zum Mond reisen würde […] ich […] war […] mit Großpapa einer Meinung […] und […] konnte […] mir gut vorstellen […] dass so etwas in tausend Jahren möglich war.“ (S. 107)
„[…] was es der Bevölkerung ermöglichte, etwas ganz Unglaubliches zu tun, nämlich über einen dünnen Draht mit jemandem zu sprechen, der sich dreißig Meilen entfernt befand […]“ (S. 247)
„‚Und wo ist überhaupt deine Haube? Du bekommst noch Sommersprossen!‘“ (S. 263)
„‚Jungen backen keinen Kuchen.‘“ (S. 277)
„Miss Harbottle war so guter Laune, dass niemand geschlagen wurde und auch keiner in der Ecke stehen musste.“ (S. 316)
„[…] ich […] überlegte, ob ich einen Teil meines Geldes für ein brandneues Getränk ausgeben sollte, von dem wir alle gehört hatten: Coca-Cola hieß es.“ (S. 334)
Insgesamt würde ich „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“ also auf jeden Fall weiterempfehlen.