
Der Roman „Paule Pizolka oder Eine Flucht durch Deutschland“ ist 1991 im Beltz Verlag erschienen. Er hat 382 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.
Das Buch handelt von einem sechzehnjährigen Jungen namens Paule Pizolka, genannt Pelle, der 1943 in einem KLV-Lager, einem Kinderlandverschickungs-Lager, in Zürs untergekommen ist.
Dort ist er fernab vom Krieg. Trotzdem muss er im Lager hart arbeiten und sogar zur Schule gehen, was ihm gar nicht gut gefällt.
„Warum hatte Jupp, sein Vater, nur darauf bestanden, ihn von der Realschule in Oberhausen nach Duisburg aufs Landfermanngymnasium zu schicken? […] in Latein würde er es nie zu etwas bringen.“ (S. 11)
Nur die Naturwissenschaften und besonders Physik mag Paule sehr.
„Physik machte Spaß, viel Spaß. Wie überhaupt alles, was mit Technik zusammenhing. Da ging es um Tatsachen. Warum musste das Leben nur soviel komplizierter sein als Formeln und Zahlen?“ (S. 45)
Aber auch außerhalb der Schule hat Paule immer viel zu tun. Der Alltag im Lager verläuft genau nach Plan und gehorcht man nicht, gibt es schwere Strafen.
„Voth, ihr Unterführer, hetzte sie mit der Trillerpfeife durchs Gelände, brüllte Befehle, jagte sie, bis ihnen die Zunge aus dem Hals hing […] Der restliche Nachmittag ging mit Hausaufgaben, Putzen und Flicken und Schuhappell drauf.“ (S. 17/18)
Vom Krieg bekommt Paule nicht viel mit. Nur in den Nachrichten hört er manchmal Berichte.
„Hier im Lager, fernab von allem Geschehen, war der Krieg allmählich fast unwirklich geworden. Nur die Luftangriffe gegen deutsche Städte schreckten die Jungen auf. Denn irgendwo hatte jeder Verwandte, einen Opa, die Tante oder gar Mutter und Geschwister, wo gerade die Bomben fielen.“ (S. 19/20)
Auch Paules Vater Joseph, genannt Jupp, wohnt noch in Frankfurt, das jedoch fast täglich schwer attackiert wird. So macht sich Paule oft Sorgen um seinen Vater.
„[…] vor fünf Tagen war Frankfurt angegriffen worden, der Ort, wo Jupp bei der Reichsbahn arbeitete […] Paule hatte gleich darauf an seinen Vater geschrieben […]“ (S. 20)
Um seine Schwestern Inge und Hilde macht sich Paule ebenso Sorgen. Denn Hilde bekommt bald ein Kind und Inge ist weit weg in Polen.
„‚Inge, meine Schwester, ist in Polen, im Warthegau. Die Front kommt da immer näher. Ich habe Angst um sie.‘“ (S. 79)
Paules Mutter ist leider schon lange gestorben. Paule kann sich gar nicht mehr richtig an sie erinnern.
„‚Von meiner Mutter weiß ich nicht mehr soviel. Sie ist schon vor sechs Jahren gestorben […]‘“ (S. 108/109)
Nur Paules Freund Henner gibt ihm eine kleine Ablenkung. Die beiden Jungen sind gut befreundet und beobachten abends im Lager oft gemeinsam die Sterne.
„Gut, dass er sich jetzt in Zürs mit Henner angefreundet hatte. Der wusste über den Weltraum mehr als ein Packen Bücher. In Duisburg auf der Schule hatte er mit Henner nicht viel zu tun gehabt. Henner war auch erst später ins Lager nachgereist, als die Luftangriffe im Revier immer mehr zunahmen.“ (S. 7)
Und trotzdem fühlt sich Paule im Lager oft unfair behandelt und einsam. Nur die wenigen freien Spaziergänge geben ihm etwas Freiheit.
Eines Tages, im Wartezimmer der Zahnarztpraxis, trifft Paule ein Mädchen in seinem Alter, das ihm sehr gefällt.
„Nach ihm war ein Mädchen gekommen und hatte sich auf den Stuhl neben seine Sachen gesetzt. Paule musterte sie verstohlen […] Ihr Profil gefiel ihm, das blonde gekrauste Haar, das sie schulterlang trug.“ (S. 46)
Paule spricht das Mädchen, das Ursula Wessling heißt, aber nur Ulla genannt wird, schließlich an und erfährt, dass sie im KLV-Mädchenlager in Lech lebt. Die beiden verstehen sich sehr gut und wollen sich schnell öfter treffen.
Von nun an muss Paule immer wieder an Ulla denken und die viele Arbeit im Lager kommt ihm noch härter vor. Schließlich erfährt er von Ulla auch noch, dass sie ihre Mutter in Duisburg besuchen möchte und das Lager verlassen wird.
„‚Außer mir hat Mutti […] nur noch Oma, aber die wohnt weit weg in Stuttgart. Deswegen fahre ich zurück.‘“ (S. 64)
Paule ist sehr niedergeschlagen und beschließt deshalb schon bald, aus dem Lager zu fliehen und mit Ulla zu reisen. Doch er bemerkt schnell, dass er aufpassen muss, dass die Lagerführer keinen Verdacht schöpfen. Denn sein Lagerleiter namens Pistor mag Paule nicht besonders.
„‚[…] ich habe schon immer deine störrische, widersetzliche Art gespürt. Du bist nicht mit wirklicher Überzeugung bei der Sache, du gehorchst Befehlen nicht freiwillig, nicht aus eigenem Antrieb, sondern gezwungen.‘“ (S. 31)
Paule ist in den Tagen vor seiner Flucht also sehr hilfsbereit und ordentlich, sodass er nicht auffällt.
„Also gab er sich als zackiger Hitlerjunge, übernahm freiwillige Dienste, präsentierte saubere Hausaufgaben, stand stramm und antwortete im ganzen Satz.“ (S. 70)
Als schließlich der Tag der Flucht gekommen ist, wird Paule doch etwas unsicher.
„Es war schwer, von allen Abschied zu nehmen, was ihn bisher umgeben hatte, von seiner Stube […], den Leuten seiner Klasse, von den Bergen, dem Skihang […] Sich so einfach zu verdrücken ging ihm gegen den Strich. Und es war ein seltsames Gefühl […]“ (S. 70)
Doch an einem Mittwochmorgen flieht Paule schließlich doch, da ihm Ulla sehr wichtig ist. Er fährt nach Frankfurt, zu seinem Vater Jupp. Doch wird wirklich alles so klappen, wie Paule denkt…?
Im Laufe des Buches wird Paules Flucht und besonders seine Beziehung mit Ulla beschrieben.
Ich finde den Roman ganz in Ordnung.
Paules Flucht ist sehr interessant und auch spannend. Man möchte nur ungern aufhören und weiß nie genau, wie es weitergeht. Ich finde es schön, dass der Roman über einen Jungen, der kein Jude ist, erzählt, da in den meisten Büchern über den 2. Weltkrieg über jüdische Kinder geschrieben wird. Hier erfährt man auch, wie schlimm der Krieg für Paule ist.
Die Beziehung mit Ulla ist zwar gut in den Roman eingebaut, meiner Meinung nach aber etwas übertrieben. Es scheint so, als wäre der Fokus auf die Beziehung gesetzt, ich fände es aber besser, wenn mehr über die Flucht geschrieben wird.
Das Ende ist etwas seltsam, da es sehr abrupt passiert und man nicht genau weiß, wie es weitergeht. Bei manchen Büchern finde ich so ein Ende passend, hier finde ich es aber etwas merkwürdig.
Das Nachwort des Autors ist meiner Meinung nach sehr kompliziert geschrieben. Für die Geschichte an sich spielt das ja aber keine Rolle.
Ich würde „Paule Pizolka oder Eine Flucht aus Deutschland“ eher nicht weiterempfehlen. Es gibt auf jeden Fall bessere Bücher über den 2. Weltkrieg.