Davide Morosinotto: Der Ruf des Schamanen

Der Roman „Der Ruf des Schamanen“ von Davide Morosinotto ist 2021 im Thienemann Verlag erschienen. Er hat 430 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.

Das Buch handelt von der dreizehnjährigen Laila Raskinen, die 1986 gemeinsam mit ihrer Mutter Outi, ihrem Vater Aarni, der als Diplomat tätig ist und dem Sekretär von Aarni, Señor Tanaka in Peru lebt.

„Mama […] heißt Outi. Das ist ein finnischer Name, weil wir aus Finnland kommen. Señor Tanaka dagegen kommt aus Japan und ist der Sekretär meines Vaters.“ (S. 13)

Ganz zur Sorge ihrer Mutter leidet Laila an einer seltsamen Krankheit, über die die vielen Ärzte, die Laila schon besucht hat, nichts aussagen können.

„Das Hauptproblem besteht darin, dass ich in der Mitte gut und an den Seiten schlecht sehe […] Ich hatte aber noch etwas anderes gemerkt: Ich sah nachts oder bei schwachem Licht schlechter. Die Welt wurde für mich allmählich immer dunkler, und das war kein schönes Gefühl.“ (S. 23/26)

Deshalb wird beschlossen, Laila in die Klinik Santo Toribio in Peru zu schicken.

„So war ich schließlich bei Professor De La Torre gelandet, der Experte für seltene neurologische Krankheiten ist.“ (S. 23)

Lailas Mutter ist damit gar nicht einverstanden, und auch Laila ist nicht sehr wohl bei der ganzen Sache.

„[…] ich wusste, dass sie mit all dem nicht einverstanden war. Die Vorstellung, dass ihre Tochter, also ich, in eine peruanische Klinik gebracht wurde, gefiel ihr ganz und gar nicht. Wäre es nach ihr gegangen, säßen wir jetzt in einem Flugzeug nach Europa oder in die USA, wo es die besten Behandlungsmethoden gab.“ (S. 13)

Doch die Ärzte von Laila wissen, dass diese Klinik der einzige Ort ist, an dem man ihr helfen kann. So fährt Laila gemeinsam mit ihrer Mutter und Señor Tanaka zur Klinik. Ihr Vater kann ganz zum Ärger von Outi, nicht mitkommen.

„An jenem Morgen hätte eigentlich mein Vater mitfahren sollen, doch im letzten Moment war in der Botschaft irgendetwas gewesen und er hatte nicht mitkommen können. Mama hatte sich sehr darüber geärgert.“ (S. 13)

Bei ihrem ersten Blick in die Klinik, in der sie nun längere Zeit leben wird, wird Laila sehr nervös. Die vielen Kinder in Rollstühlen mit schlimmen äußerlichen Symptomen machen ihr Angst. Denn das Besondere bei Lailas Krankheit: Sie sieht von außen kerngesund aus.

„Als ich einen ersten Blick in den Saal warf, fielen mir auf: ein Mädchen mit schmerzhaft verzogenem Gesicht, ein Junge in einem Rollstuhl und eine Krankenschwester, die gerade einen Jungen zudeckte, der auf die Laken sabberte. Ich spürte einen dicken Kloß im Hals. Ab heute sollte ich hier leben.“ (S. 18)

In den ersten Tagen fühlt sich Laila sehr einsam und elend. Doch schon bald lernt sie einen Jungen namens El Rato, der genau wie sie auch in Santo Torinio lebt, kennen.

„El Rato kennenzulernen war das Beste, was mir passieren konnte. Er war kaum größer als ich und mager, mit dunkler Haut und indianischen Gesichtszügen […] Manchmal kam er mir ein bisschen überdreht vor. Trotzdem zog es mich immer wieder zu ihm hin.“ (S. 35)

Im Gegensatz zu den anderen Kindern ist El Rato nicht krank.

Erst später erfährt Laila, dass El Rato keine Eltern hat und als ganz kleines Kind von den Ärzten Santo Toribios adoptiert wurde.

Laila und El Rato verstehen sich sehr gut und gemeinsam mit ihm verbringt Laila schöne Tage in der Klinik und gewöhnt sich immer besser an ihre neue Heimat. Doch eines Tages erfährt Laila etwas sehr Schockierendes: Nachdem sie ihre etwas bleich aussehende Mutter und den sie stützenden Señor Tanaka, welche Laila regelmäßig besuchen, sieht, ist sie neugierig, wieso ihre Mutter so mitgenommen aussieht. Heimlich schleicht sie sich in das Büro des Direktors und sieht auf seinem Schreibtisch mehrere Papiere, die sie sich schnell durchliest. So erfährt sie, dass ihre Krankheit unheilbar ist und Laila sehr wahrscheinlich erblinden und wenig später sterben wird.

„Die Wahrheit traf mich wie ein Faustschlag. Wie dumm ich gewesen war […] Für meine Krankheit gab es kein Heilmittel […] Ich war zum Tode verurteilt.“ (S. 63/64)

Für Laila ist dies ein großer Schock. Und natürlich möchte sie die Krankheit aufhalten. Gemeinsam mit El Rato beschließt sie, heimlich nach einer ganz bestimmten Blume zu suchen, von der sie in der Bibliothek in Santo Toribio zufällig gelesen hat. Diese Blume kann viele schwere Krankheiten heilen und wird von manchen Schamanen des südlichen Amazonasgebiets in der Region Cusco verwendet.

Da diese Blume Lailas letzte Hoffnung ist, macht sie sich mit El Rato zu einem großen Abenteuer auf. Wird Laila jemals wieder gesund werden…?

Mir gefällt das Buch wirklich sehr gut.

Lailas Reise ist so interessant beschrieben, dass man am liebsten gar nicht mehr aufhören würde zu lesen. Vieles der Geschichte ist zudem auch sehr genau durchdacht. Besonders am Ende merkt man, wie alles zusammenpasst. Außerdem fällt einem der Zusammenhang mit den anderen zwei Büchern der Trilogie (Verloren in Eis und Schnee und Die Mississippibande – Wie wir mit drei Dollar reich wurden) auf. Auch das Erzählen aus verschiedenen Perspektiven macht den Roman noch spannender. Interessant finde ich, dass manche Geschehnisse wirklich so ähnlich passiert sind. Dies wird im Nachwort des Autors noch einmal erläutert. Am besten finde ich die Illustrationen von Stefano Moro. Auf jeder Seite begegnen einem neue Überraschungen und die vielen kreativen Gestaltungen machen den Roman noch mal viel lebendiger.

Das Ende gefällt mir persönlich nicht so gut wie der Rest des Buches, da er etwas ins Magische übergeht. Am Schluss hat er dann aber doch irgendwie gepasst.

Ich würde „Der Ruf des Schamanen“ auf jeden Fall weiterempfehlen.

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