Heute habe ich ausnahmsweise nicht selbst für euch geschrieben, sondern habe eine befreundete Bloggerin gebeten, eine Buchbesprechung zu verfassen. Wenn ihr mehr von ihr lesen wollt, geht auf: https://nachsinnen.org/
Sarah Jäger – Die Nacht so groß wie wir

Bereits mit ihrem Debüt-Roman „Nach vorn, nach Süden“ von 2020 hatte Sarah Jäger die Kritik begeistert, mit ihrem neuen Buch „Die Nacht so groß wie wir“ steht sie 2022 sogar auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis.
Erzählt wird die Geschichte von fünf jungen Menschen, die eine besondere, eine enge Freundschaft verbindet. „Wir erzählen uns alles. Nahezu immer und nahezu alles.“ (S. 188) In nur einer Nacht, der Nacht der Abiturfeier, wird sich ihr Leben, werden sich ihre Beziehungen verändern.
Es beginnt mit Pavlow, der darunter leidet, dass sein Vater ihn und seine Mutter verlassen und in seiner zweiten Familie scheinbar das Glück und die Geborgenheit gefunden hat, die Pavlow so sehr vermisst. Aber das ist nicht das einzige Problem, dem er sich in dieser Nacht stellen wird.
Da ist auch Suse, die seit dem Unfalltod ihres Vaters nicht mehr gerne Dinge weggibt. „‚Du bist ein verdammter Messie.‘ Suse holt Luft. Aber was soll sie sagen. Es stimmt ja. Suse will immer alles behalten.“ (S. 32) In ihrem Herzen herrscht ein ähnliches Durcheinander wie in ihrem Zimmer. Denn die Leere, die der Tod ihres Vaters in ihr hinterlassen hat, versucht sie in ständig wechselnden Liebesbeziehungen zu füllen.
Maja ist sehr intelligent, auf sie wartet ein Praktikumsplatz in Osaka. Wie sie es geschafft hat, dass die Mehrheit der Schüler für ihre Idee stimmte, in der Turnhalle zu feiern, statt für ein rauschendes Fest „unter Kronleuchtern“ (S. 60) Geld zu verschwenden, ist ihr großes Geheimnis.
Ein wenig aus der Welt gefallen ist Tolga. Er fährt die Linien der Holzmaserung mit den Fingern nach, sortiert Kieselsteine der Größe nach und beobachtet Fliegen. „Ist doch verrückt. Wenn es uns Menschen nicht gäbe, müssten Fliegen nicht ständig gegen Fensterscheiben kämpfen.“ (S. 25) Doch was in seinem Kopf vor sich geht, weiß niemand so richtig.
Und dann ist da noch Bo, der nicht so ganz in die Gruppe passen will. Er hat eine andere Schule besucht und das Abitur nicht geschafft. Bo trägt ein großes Geheimnis in sich, das er seit Jahren vor den anderen verbirgt.
Unausgesprochenes und Verletzungen aus ihrer Kindheit wollen diese fünf hinter sich lassen, um ohne Ballast in die Erwachsenenwelt eintreten zu können. „Das ist die Nacht, in der wir sterben müssen. Vom Ungeheuer verschlungen und dann wiedergeboren.“ (S. 23) Hoffnungen und Ängste, Geheimnisse und Unstimmigkeiten brechen dabei hervor, so dass die Aktionen, die sie in einem Art Spiel begonnen haben, am Ende zu einer Belastung ihrer scheinbar unzerstörbaren Gruppe werden. „fünf Stühle werden verrückt Struktur und Form lösen sich auf alte Spielregeln gelten nicht mehr die neuen sind noch nicht geschrieben von nun an ist nichts mehr gewiss“ (S.114)
Wie es sich bei einer solchen Konstellation geradezu anbietet, schildert Sarah Jäger das Geschehen abwechselnd aus der Sicht eines der Gruppenmitglieder. Entsprechend ihres jeweiligen Charakters, sind sie sprachlich unterschiedlich gestaltet. Kursiv gesetzte Erinnerungen geben Einblick in das Zusammenfinden und Wachsen der Gruppe. Durch die verschiedenen Perspektiven darauf, entsteht nach und nach beim Leser das Wissen darum, dass die Offenheit der fünf einander gegenüber nie so bedingungslos war, wie sie es selbst gerne hätten. Majas Feststellung „‚Wir wissen sowieso alles voneinander.‘“ (S. 33) wird sich am Ende des Romans als Fehleinschätzung erwiesen haben.
Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, besonders in sprachlicher Hinsicht. Die unterschiedlichen Erzählstile der Personen sind gut eingefangen, auch in einer gewissen Entwicklung und Dramatisierung. Was mir ein wenig Schwierigkeiten bereitet hat, war die soziologische Konstellation der Gruppe. Zunächst hat es ein wenig gedauert bis ich die fünf unterscheiden konnte, zumal Pavlow nur ein Spitzname ist und der Junge ursprünglich Bastian heißt. In Rückblenden ist dann manchmal noch von Bastian und manchmal schon von Pavlow die Rede, was mich persönlich einfach ein wenig überfordert hat. Dann war für mich die Permanenz dieser Fünferbeziehung, auch über verschiedene ‚Beziehungen‘ zu Außenstehenden hinweg, nicht nachzuvollziehen. Wäre es nicht wahrscheinlicher, dass die Gruppe bereits früher an einer solchen Liaison zerbricht? Aber vielleicht mache ich mir da Illusionen über die Ernsthaftigkeit sexueller Beziehungen unter Jugendlichen heutzutage. Das Bild des Initiationsrituals fand ich zunächst irritierend, da ich das Abitur nicht als einen derart großen Umbruchpunkt in der Entwicklung junger Menschen sehe – vieles hat sich davor schon entschieden. Aber an dem konkreten Ritual, auf das Pavlow anspielt, werden wichtige Punkte deutlich. Es handelt sich dabei um ein Ritual auf Papua-Neuguinea, bei dem Jugendlichen die Haut so eingeschnitten wird, dass Narben zurückbleiben. Diese Narben bilden die Haut des Krokodils, dem spirituellen Schöpfungswesen dieser Gruppen, nach. In unserer Geschichte sind es die Narben der Kindheit, mit denen die Figuren sich auseinandersetzen müssen. Wie Tolga sagt: „Narben haben wir doch alle irgendwo.“ (S.47) Aber vielleicht kann diese vernarbte Haut, in der nach Stammesglaube die Kraft des Krokodils steckt, auch so etwas wie eine Schutzhaut für die fünf werden.