
Der Roman „Vor uns das Meer“ von Alan Gratz ist 2021 in deutscher Übersetzung im Carl Hanser Verlag erschienen. Er hat 300 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.
Das Buch handelt von drei Kindern, dem zwölfjährigen Josef, der elfjährigen Isabel und dem zwölfjährigen Mahmoud. Und eines haben sie alle gemeinsam: Sie müssen aus ihrem Land fliehen.
Josef Landau lebt gemeinsam mit seiner kleinen Schwester Ruth sowie seiner Mutter und seinem Vater 1938 in einer kleinen Wohnung in Berlin. Die ganze Familie ist jüdisch.
„Er hatte sich noch nicht an die Geräusche dieser neuen Wohnung gewöhnt, dieser kleineren Wohnung, in die er und seine Familie hatten umziehen müssen. Ihre alte Wohnung konnten sie sich nicht mehr leisten, seit die Nazis seinem Vater verboten hatten, als Anwalt zu arbeiten […]“ (S. 7)
Eines nachts dringen Nazis in Josefs Wohnung ein und nehmen seinen Vater gefangen, da er noch immer als Anwalt arbeitet, obwohl dies allen Juden verboten war.
„‚Aaron Landau […] du arbeitest noch immer als Anwalt, obwohl das Berufsbeamtengesetz von 1933 Juden die Ausübung dieser Tätigkeit verbietet. Für dieses Verbrechen gegen das deutsche Volk wirst du in Schutzgewahrsam genommen.‘“ (S. 9)
So wird die Familie getrennt. Glücklicherweise kann Josefs Mutter nach einiger Zeit herausfinden, wo ihr Mann ist, und etwas später bekommt Josef ein Telegramm seines Vaters, in dem er erzählt, er sei wieder freigelassen worden. Allerdings müsse er Deutschland in den nächsten 14 Tagen verlassen.
„[…] sechs Monate nachdem man ihn mitgenommen hatte, bekam die Familie ein Telegramm […] von Papa […] Er war aus einem Konzentrationslager namens Dachau freigelassen worden, aber nur unter der Bedingung, dass er das Land innerhalb von vierzehn Tagen verließ.“ (S. 11)
Freudig, wieder beisammenzusein, beschließt die Familie so, gemeinsam aus Deutschland zu fliehen.
„[…] die Nazis hatten sie nun zweimal aufgefordert, aus Deutschland zu verschwinden, und die Familie Landau würde nicht dasitzen und abwarten, was die Anhänger Hitlers als Nächstes tun würden.“ (S. 11)
So fahren Josef, Ruth und ihre Mutter mit dem Zug nach Hamburg, um dort Josefs Vater zu treffen. Gemeinsam würden sie dann mit einem Schiff nach Kuba fahren.
„[…] in […] Hamburg […] würden sie Josefs Vater treffen, um gemeinsam ein Schiff zu besteigen. An dem Tag, als Papas Telegramm gekommen war, hatte Josefs Mutter für sie alle Schiffstickets nach dem einzigen Ort gekauft, der bereit war, sie aufzunehmen: eine Insel namens Kuba, am anderen Ende der Welt.“ (S. 23/24)
56 Jahre später lebt Isabel Fernandez 1994 gemeinsam mit ihrer schwangeren Mutter, ihrem Vater und ihrem Großvater in Havanna in Kuba.
„Isabel war elf Jahre alt, ein hageres Mädchen, das nur aus schlaksigen Armen und Beinen zu bestehen schien. Ihr braunes Gesicht war mit Sommersprossen gesprenkelt, und ihre dicken schwarzen Haare waren für den Sommer kurz geschnitten […]“ (S. 12)
Die Menschen in Havanna haben alle sehr wenig zu Essen und werden vom kubanischen Präsidenten Fidel Castro daran gehindert, Kuba zu verlassen.
„Fidel Castro, der kubanische Präsident, erlaubte niemandem, das Land zu verlassen, schon gar nicht in Richtung der Vereinigten Staaten, die von den Kubanern nur el norte genannt wurden – der Norden. Wenn jemand dabei erwischt wurde, mit dem Boot […] zu fliehen, würde man ihn ins Gefängnis werfen.“ (S. 14)
Als sich Isabels Vater, Geraldo Fernandez, eines Tages jedoch auf einer Demonstration in Havanna bemerkbar macht, wird er von den Polizisten geschlagen. Noch am gleichen Tag beschließt er, aus Kuba zu fliehen.
„‚Ich hab gesehen, was du gemacht hast […] Ich krieg dich. Wenn das alles hier vorbei ist, verhafte ich dich, dann wirst du für immer weggesperrt.‘ […] Papi musste Kuba verlassen. Heute noch.“ (S. 32)
So bricht die Familie mit einem kleinen Boot, das Isabels Freund Iván Castillo mit der Hilfe seines Vaters für genau so eine Situation gebaut hatte, auf.
„Das Boot war ein hässliches blaues Ding, das aus alten metallenen Werbetafeln, Straßenschildern und Ölfässern zusammengezimmert worden war. Es sah nicht einmal sonderlich nach einem Boot aus, aber es war immerhin groß genug, um die Castillos – und möglicherweise auch noch vier weitere Gäste – zu transportieren.“ (S. 46)
21 Jahre später lebt Mahmoud Bishara 2015 gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Walid, seiner kleinen Schwester Hana, seiner Mutter und seinem Vater in Aleppo in Syrien. Mahmoud versucht immer, unsichtbar zu sein, denn in seiner Stadt gibt es Krieg und jeden Tag werden neue Häuser bombardiert.
„Wenn man sich Mahmoud genau anschauen und einen Blick unter seine Kapuze werfen würde, die er immer bis tief in sein Gesicht gezogen trug, dann würde man einen […] Jungen mit einer langen, markanten Nase, dichten schwarzen Augenbrauen und kurzen schwarzen Haaren sehen […] Allerdings tat er alles, um seinen Körper und sein Gesicht zu verbergen, damit er nicht auffiel.“ (S. 17)
Eines Tages jedoch wird das Haus von Mahmouds Familie bombardiert.
„Die Wand ihrer Wohnung explodierte. Betonbrocken und Glas wirbelten durch das Zimmer. Der Boden unter Mahmoud bäumte sich auf und warf ihn zusammen mit dem Tisch und den Stühlen rückwärts in Richtung Küchenwand.“ (S. 35)
Glücklicherweise können Mahmoud, seine Mutter, Walid und Hana unverletzt entkommen. Als Mahmouds Vater zu der Familie stößt, beschließt er sofort, nach Deutschland zu fliehen.
„‚[…] wir verlassen Aleppo! Jetzt gleich! Ich hab den Wagen in der Nähe geparkt, wir können morgen schon in der Türkei sein. Da verkaufen wir das Auto, und dann machen wir uns auf den Weg nach Norden, nach Deutschland.‘“ (S. 54)
Obwohl der Rest der Familie etwas skeptisch ist, brechen die fünf sofort auf.
Was erwartet die Familien wohl auf ihrer Suche nach einer Heimat…?
Im Laufe des Buches wird abwechselnd aus der Sicht von Josef, von Isabel und von Mahmoud erzählt.
Mir gefällt der Roman ganz gut.
Die Schreibweise aus verschiedenen Perspektiven finde ich sehr wissenswert, da man so von jedem Kind etwas erfährt. Besonders interessant finde ich Mahmouds Erzählungen im Jahr 2015, denn dadurch, das dieses Jahr noch nicht sehr lange her ist, kann man sich seine Erlebnisse noch besser vorstellen und sich bewusst machen, dass jeden Tag Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen.
Durch Karten am Ende des Buches kann man sich den Weg von Josef, Isabel und Mahmoud auch noch besser vorstellen, sodass man während des Lesens eigentlich immer weiß, wo sich die jeweilige Familie gerade befindet.
Zudem beruht das Buch zum Teil auf wirklichen Ereignissen, was Alan Gratz im Nachwort des Buches beschreibt. Außerdem erfährt man dort auch, was man für Flüchtlinge tun kann.
Die Erzählung aus verschiedenen Perspektiven hat mich manchmal etwas verwirrt, dafür baut sie aber auch viel Spannung auf.
Das Titelbild des Romans finde ich persönlich etwas zu dramatisch und auch die Handlung ist an manchen Stellen etwas übertrieben beschrieben. Man darf die Flucht der Familien aber natürlich nicht unterschätzen.
„Vor uns das Meer“ würde ich also dennoch allen weiterempfehlen, die gerne etwas über Flüchtlinge erfahren und lesen möchten.