Uri Orlev: Lauf, Junge, lauf

Der Roman „Lauf, Junge, lauf“ von Uri Orlev ist 2004 in deutscher Übersetzung im Beltz & Gelberg Verlag erschienen. Er hat 228 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.

Das Buch handelt von einem achtjährigen, jüdischen Jungen namens Srulik. Er lebt gemeinsam mit seiner Mutter und seinen Geschwistern im Jahre 1942 im Warschauer Ghetto. Sein Vater wurde bei einem Fluchtversuch aus dem Ghetto von der Familie getrennt.

„Srulik war ein rothaariger Junge mit Sommersprossen, er hatte blaue Augen und ein gewinnendes Lächeln.“ (S. 8)

Eines Tages jedoch verschwindet plötzlich Sruliks Mutter, während die beiden zusammen in Mülltonnen nach etwas Essbarem suchen.

„‚Mama?‘, rief er, um ihr den Korb zu geben, der sich inzwischen gefüllt hatte. Er bekam keine Antwort, es wurde auch keine Hand ausgestreckt, um ihm den Korb abzunehmen […] seine Mutter war nicht da. Sie war verschwunden, als hätte sie die Erde verschluckt.“ (S. 12/13)

Verzweifelt gesellt sich Srulik zu einer Gruppe herumstreunender Kinder, die ihm helfen wollen, nach Hause zu finden, doch Srulik kann sich nicht mehr an die Straße erinnern.

So bleibt Srulik fürs Erste bei der Bande und gewöhnt sich schnell an sein neues Leben auf der Straße.

„Srulik gewöhnte sich an das neue Leben, an das Schlafen auf Dachböden, an die Streifzüge durch die Straßen, an die Ladendiebstähle bei Tag und an die Einbrüche nach Beginn der Ausgangssperre.“ (S. 24)

Schon bald jedoch rät ein Schuster den Kindern, aus dem Ghetto zu fliehen, da es immer öfter Aktionen gäbe, bei denen sich die deutschen Soldaten und die jüdischen Polizisten einfach Menschen von der Straße schnappen würde – so wäre die Bande ein leichtes Ziel.

Also beschließen Srulik und die anderen Jungen, durch ein Tor aus dem Ghetto zu fliehen.

„‚Ich kenne ein Tor, das aus dem Ghetto führt, dort stehen immer Fuhrwerke von Bauern […] Sie laden den Müll ein und fahren dann weg – während die Wagen losfahren, können wir uns vielleicht hinausschleichen.‘“ (S. 26)

Und wirklich: Sruliks Flucht ist erfolgreich. Aus dem Ghetto gekommen schließt er sich so erneut einer Kindergruppe an, die, wie die vorherige Bande auch, den Menschen das stehlen, was sie selbst zum Leben brauchen.

„Awrum griff nach dem kleinen Korb, die anderen rissen Gurken, Tomaten, Karotten und Rettiche aus den Körben und stopften sie in ihre Taschen und in Käsesäckchen.“ (S. 34)

Meist hält sich Srulik mit den anderen Jungen im Wald auf, da er dort sehr geschützt ist und nach einiger Zeit ist ihm diese neue Heimat richtig vertraut.

„[…] ihm schien, als würden ihn die Bäume willkommen heißen […] Es war sein Wald […] der Wald, der sie beschützte und sie rettete. Srulik fühlte zum ersten Mal, seit er mit den Jungen im Wald zusammen gewesen war, dass er den Wald liebte.“ (S. 55)

Doch eines Tages erwacht Srulik von Schüssen und bei seiner Flucht verliert er die anderen Jungen. So lebt Srulik eine Zeit lang alleine im Wald und kann sich hier immer besser zurechtfinden.

„In den folgenden Wochen schlief er auf Bäumen und bald hatte er gelernt, so schnell zu klettern wie ein Affe […] Während des Tages dachte er nicht an seine Freunde und empfand keine Einsamkeit. Er war zu beschäftigt damit, nach Wasser und Nahrung zu suchen […]“ (S. 55)

Schon bald jedoch findet der Förster Srulik und gibt ihn zu seiner Schwester, damit er dort als Hirtenjunge arbeiten kann.

„Der Förster zögerte einen Moment, vermutlich dachte er über etwas nach, und schließlich sagte er: ‚Meine Schwester sucht einen Jungen, der mit ein paar Kühen und Schafen auf die Weide geht.‘“ (S. 58)

Bei der Schwester des Försters geht es Srulik sehr gut, eines Tages jedoch kommen einige deutsche Soldaten und fragen nach ihm.

„Ein kleiner Militärlaster bog auf den Hof ein, mit zwei deutschen Soldaten […] Srulik hörte, wie der Deutsche […] fragte: ‚Wo ist der jüdische Junge?‘“ (S. 80)

Schnell flieht Srulik auf das nahe Kartoffelfeld und versteckt sich. Auf diesem Feld ist jedoch auch ein anderer Mensch – Sruliks Vater. Die beiden reden kurz miteinander und der Vater gibt Srulik für seine Sicherheit einen anderen Namen: Jurek Staniak, denn auch davor hat Srulik sich schon oft als Jurek vorgestellt.

„ ‚Srulik, wir haben keine Zeit. Ich möchte, dass du nicht vergisst, was ich dir jetzt sage. Du musst am Leben bleiben, du musst! Such jemanden, der dir beibringt, wie man sich unter den Gojim benimmt, wie man sich bekreuzigt und betet, und dann kannst du bei irgendeinem Bauern bleiben, bis der Krieg vorbei ist […] Und das wichtigste, Srulik, vergiss deinen Namen. Wische ihn aus deinem Gedächtnis.‘“ (S. 82/83)

Nach diesem Gespräch rennt Sruliks Vater aus dem Feld und flieht, damit die Deutschen auf ihn schießen, sodass Srulik sich retten kann.

Im Laufe des Buches wird beschrieben, wie Srulik sich durch den Krieg schlägt und von Bauer zu Bauer zieht oder im Wald lebt. Viele Leute sind bereit, ihm zu helfen, doch wird Srulik wirklich überleben…?

Mir gefällt das Buch ganz gut.

Sruliks Leben finde ich sehr interessant beschrieben, da er immer bei anderen Menschen lebt und ständig auf der Flucht ist. So wird die Geschichte nicht langweilig, weil man nie weiß, was als nächstes passieren wird.

Gut finde ich auch, dass das Buch auf wahren Erlebnissen von Yoram Friedman beruht. So kann man sich alles gleich noch besser vorstellen.

Manche Stellen finde ich etwas zu „einfach“ erzählt, sodass es sich meiner Meinung nach so anhört, als würde der Autor einem damit etwas so erklären wollen, dass es wirklich jeder versteht. Es gab aber nur ganz wenige Stellen, an denen mich das gestört hat, weshalb ich es im Endeffekt nicht sehr schlimm finde.

Etwas verwirrt hat mich Sruliks Namenswechsel. Vor dem Lesen des Buches habe ich nämlich den Klappentext gelesen, in dem von einem Jungen namens „Jurek“ erzählt wird. Als ich dann mit Lesen angefangen habe, habe ich mich gewundert, da der Junge hier „Srulik“ genannt wird. Erst knapp vor der Mitte des Buches erfährt man, dass Srulik sich zu Jurek umbenannt hat. So habe ich mich die erste Zeit etwas gewundert, sodass ich den Jungen im Klappentext eher „Srulik“ genannt hätte.

Ich würde das Buch dennoch weiterempfehlen, es gibt aber auch deutlich bessere Bücher über den 2. Weltkrieg.

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