Mirjam Pressler: Wer morgens lacht

Der Roman „Wer morgens lacht“ von Mirjam Pressler ist 2013 im Beltz & Gelberg Verlag erschienen. Er hat 256 Seiten und eignet sich für Kinder ab 14 Jahren.

Das Buch handelt von der 22-jährigen Biologiestudentin Anne. Gemeinsam mit einigen anderen Studenten wohnt sie in Frankfurt am Main in einer Wohngemeinschaft, in der sie sich auch sehr wohl fühlt.

„Für Leute wie mich ist eine Wohngemeinschaft ein Segen, in einer Wohngemeinschaft entkommt man der Gefahr zu vereinsamen.“ (S. 52)

Schon mit neunzehn Jahren ist Anne von ihren Eltern weg nach Frankfurt gezogen, weil sie die Erinnerungen an ihre Vergangenheit hinter sich lassen will. Denn immer wieder denkt Anne an ihre drei Jahre ältere Schwester Marie, die, als Anne fünfzehn Jahre alt war, plötzlich von zu Hause verschwand – und nie wieder kam.

„Ich wollte weg von zu Hause […] ich sehnte mich nach räumlicher Distanz von ihr, Marie, die damals schon nicht mehr da war, doch was heißt das schon, da oder nicht da, sie hat nie aufgehört, da zu sein.“ (S. 11)

Doch auch das bringt Anne nicht viel. Jeden Tag erinnert sie sich an Momente mit Marie und oft sieht sie sogar Menschen, die Marie ihrer Meinung nach ähneln.

„Heute Morgen, beim Laufen am Mainufer, lief sie plötzlich vor mir her, schmal, hochbeinig und ein bisschen staksig, genau so, wie ich selbst laufe, und ich erkannte sie sofort an ihren kurzen, knallroten und gegelten Stachelhaaren.“ (S. 10)

Also beschließt Anne, ihre Gedanken auf Papier zu bringen, um endlich mit den Erinnerungen an ihre Schwester fertigzuwerden.

„Ich muss sie loswerden, unbedingt. Ich halte es nicht länger aus, dass sie sich in mein Leben einmischt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Ich muss sie loswerden, das ist meine einzige Chance, wieder nur ich zu sein oder endlich nur ich, so genau weiß ich das nicht [..]“ (S. 7)

Auch mit einem anderen Mittel versucht Anne, ihre Erlebnisse zu verarbeiten: Oft erzählt sie ihrer sympathischen Mitbewohnerin Ricki von dem früheren Leben von Marie und ihr.

„[…] sie war der Grund dafür, dass ich so schnell und bereitwillig hier eingezogen bin. Ricki, die sich mir damals noch als Ricarda vorstellte, hat mir vom ersten Moment an gefallen, lebhaft und rund wie sie ist […]“ (S. 56)

Wird Anne ihre Schwester hinter sich lassen können…?

Mir gefällt das Buch sehr gut.

„Wer morgens lacht“ liest sich etwas anders als andere Jugendbücher. Die Geschichte ist sehr feinfühlig und nach dem Lesen muss man noch lange über das Geschehene nachdenken (Ich habe das Ganze immer noch nicht richtig verarbeitet). Während des Lesens fühlt man sich auch sehr angesprochen und es fühlt sich so an, als würde Anne zu einem selbst sprechen. Obwohl ich Bücher über tragische Familiengeschichten eigentlich nicht mag, interessiere ich mich hier sehr für die beiden Geschwister, einfach, weil einem die Erzählung sehr nahe geht.

Ich persönlich würde „Wer morgens lacht“ nicht für alle Vierzehnjährigen empfehlen. Das kommt aber auch darauf an, wie sehr man sich mit dem Buch beschäftigt. Ich selbst hätte mir vielleicht noch mal überlegt, ob ich den Roman lesen will, wenn ich gewusst hätte, wie nahe er einem geht.

Das Ende der Geschichte ist etwas offen, ich weiß nicht ganz, ob Anne ihre Schwester wirklich hinter sich gelassen hat. Ich finde diese Offenheit aber auch sehr passend.

Ich würde „Wer morgens lacht“ also allen Älteren empfehlen, die sich stark mit einem Buch beschäftigen wollen und es nicht schlimm finden, dass einen die Geschichte nicht so schnell loslässt.

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