John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama

Der Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne ist 2007 in deutscher Übersetzung im Fischer Verlag erschienen. Er hat 266 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.

Der Roman handelt von dem neunjährigen Bruno, der mit seiner zwölfjährigen Schwester Gretel, seiner Mutter und seinem Vater im Jahre 1942 in Berlin lebt. Bruno gefällt es dort, er hat viele Freunde und ein schönes Haus.

„Es war ein sehr schönes Haus mit insgesamt fünf Stockwerken, wenn man den Keller mitzählte […] Und wenn man die kleine Dachkammer mit den schrägen Fenstern mitrechnete, durch die Bruno ganz Berlin überblicken konnte, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte und am Rahmen festhielt.“ (S. 12/13)

Schon bald erfährt er jedoch, dass er und seine Familie sowie das Dienstmädchen Maria nach Polen ziehen müssen, da sein Vater wegen seiner „wichtigen Arbeit“ dorthin müsste.

Brunos Vater ist nämlich SS-Offizier (SS ist die Abkürzung für Schutzstaffel. Diese verwaltete und betrieb Konzentrationslager). In Polen sollte er im Konzentrationslager Auschwitz die Vernichtung der Juden beaufsichtigen und das Lager leiten.

„ ‚Das ist meine Arbeit, wichtige Arbeit. Wichtig für unser Land, wichtig für den Furor. Eines Tages wirst du das verstehen.“ (S. 64)

Bruno versteht dies aber nicht und denkt, der Ort, der bald seine neue Heimat werden wird, würde „Aus-Wisch“ heißen. Auch seine ältere Schwester Gretel weiß erst mal von nichts.

„‚Vater hat gesagt, die Leute, die vor uns in Aus-Wisch gewohnt haben, hätten ihre Arbeit schnell verloren und keine Zeit mehr gehabt, das Haus für uns herzurichten.‘ ‚Aus-Wisch?‘, fragte Bruno. ‚Was ist ein Aus-Wisch?‘ […] ‚Das ist der Name des Hauses‘, erklärte Gretel. ‚Aus-Wisch.‘ […] ‚Und was bedeutet das?‘, fragte er ungehalten. ‚Was auswischen?‘ ‚Na, die Leute, die vorher hier gelebt haben, nehme ich an […] Vermutlich hängt es damit zusammen, dass sie keine gute Arbeit geleistet haben und jemand meinte, weg mit ihnen […]“ (S. 35/36)

Deshalb wundern sich die beiden auch sehr, als sie im neuen Haus angekommen sind und aus dem Fenster blicken. Bruno hat von seinem Zimmer aus nämlich einen guten Blick auf das Lager.

„Ein riesiger Drahtzaun, am oberen Ende nach innen gebogen, erstreckte sich über die ganze Länge des Hauses und verlief dann in beiden Richtungen weiter, als sie sehen konnten. Der Zaun war sehr hoch, höher noch als das Haus […] Oben auf dem Zaun befanden sich gewaltige, in Spiralen aufgerollte Stacheldrahtballen, und Gretel versetzte es unwillkürlich einen Stich, als sie die vielen scharfen Spitzen sah, die rundherum vorragten.“ (S. 44)

Generell gefällt es Bruno in „Aus-Wisch“ nicht, denn er hat keine Spielkameraden mehr, wie früher in Berlin. Auch mit Gretel versteht er sich nicht gut, denn die beiden gehen sich die meiste Zeit aus dem Weg.

„Das Haus in Berlin hatte sich in einer ruhigen Straße befunden, in der noch eine Handvoll anderer großer Häuser stand, die immer einen schönen Anblick boten, weil sie nicht ganz, aber fast genauso aussahen wie sein Haus und weil andere Jungen in ihnen wohnten, mit denen er spielte […] Das neue Haus dagegen stand ganz allein auf einem leeren, trostlosen Gelände, auf dem keine anderen Häuser in Sicht waren, und das hieß, es wohnten keine anderen Familien in der Nähe und auch keine Jungen zum Spielen […]“ (S. 19/20)

Als Bruno akzeptiert hat, das er so schnell nicht nach Berlin zurückkehren wird, versucht er, sich an das neue Leben zu gewöhnen. Er beschließt, seiner alten Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Erforschen.

„[…] es gab eine Sache, die er auch allein machen konnte und die schon in Berlin eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war, nämlich Dinge erforschen.“ (S. 125)

Da die Gegend um Brunos Haus sehr einsam ist, beschließt Bruno, am Stacheldrahtzaun des Lagers entlangzugehen und zu schauen, wohin dieser Zaun führt. Nach langem Gehen stößt Bruno dann auf ein Kind, das auf der anderen Seite des Zauns (im Konzentrationslager) sitzt.

„Im selben Moment […] tauchte ein kleiner Punkt in der Ferne auf, und er kniff die Augen zusammen, um festzustellen, was das war […] noch während er […] dachte, trugen ihn seine Füße Schritt für Schritt näher zu dem Punkt in der Ferne, der zwischenzeitlich ein Fleck geworden war und langsam alle Anzeichen aufwies, sich in einen Klacks zu verwandeln […] Und als Bruno noch näher kam, sah er, dass das Ding weder ein Punkt noch ein Fleck noch ein Klacks […] war, sondern ein Mensch.“ (S. 132)

Bruno erfährt, das dieses jüdische Kind Schmuel heißt und wundert sich, weshalb er so traurig ist und den ganzen Tag einen komischen gestreiften Pyjama trägt.

„Er trug den gleichen gestreiften Anzug, den alle Leute auf jener Seite des Zauns trugen, und eine gestreifte Stoffmütze auf dem Kopf. Er hatte weder Schuhe noch Socken an, und seine Füße waren ziemlich schmutzig. Über dem Ellbogen trug er eine Armbinde mit einem Stern darauf […] und als der Junge ihn anschaute, sah Bruno in ein Paar unsagbar traurige Augen.“ (S. 133/134)

Dennoch unterhalten sich die beiden und erfahren so mehr über das Leben des anderen. Schmuel, der übrigens genauso alt wie Bruno ist und sogar am gleichen Tag Geburtstag hat, berichtet Bruno von seinem alten Leben und der Deportation in das Konzentrationslager Auschwitz.

„ ‚Eines Tages kamen dann viele Soldaten mit Lastwagen […] Alle mussten ihre Häuser verlassen […] Die Lastwagen fuhren uns zu einem Zug, und der Zug…‘ Er zögerte kurz und biss sich auf die Lippe. Bruno dachte schon, Schmuel würde gleich anfangen zu weinen […]“ (S. 160)

Bruno meint, darin sein eigenes Leben zu erkennen. Auch er musste das schöne Haus in Berlin verlassen.

„Schmuel sah sehr traurig aus, als er diese Geschichte erzählte, und Bruno wusste nicht warum. Er fand alles gar nicht so schrecklich, zumal ihm fast das Gleiche passiert war.“ (S. 162)

Aber auch hier versteht Bruno Schmuels Geschichte nicht und beschäftigt sich lieber mit seinen eigenen Sorgen.

Trotzdem treffen sich die zwei fast jeden Tag am Zaun. Die Freundschaft mit Schmuel hält Bruno jedoch geheim, da er spürt, dass sein Vater nicht besonders erfreut darüber wäre.

Währenddessen verändert sich auch die Situation bei Bruno zu Hause: Gretel steigt in die Pubertät ein und versteht sich noch weniger mit Bruno. Zudem kommen öfters Soldaten in Uniform ins Haus, vor denen Bruno sich sehr fürchtet.

So beschließt er, noch mehr Zeit mit Schmuel zu verbringen und lässt sich so auf ein großes Abenteuer ein. Wird es gut ausgehen…?

Im Laufe des Buches wird Brunos Lebensumstellung und seine Gefühle und Gedanken zu seiner neuen Heimat beschrieben.

Auch seine Treffen mit Schmuel und dessen Folgen werden geschildert.

Mir gefällt das Buch nicht so gut.

Vieles ist nicht sehr realistisch. Was mich am meisten verwirrt hat, ist, dass Bruno oder auch seine Schwester Gretel noch nie etwas von Juden oder Nationalsozialismus gehört haben. Genau das wird jedoch im Verlauf des ganzes Buches gesagt, was mich sehr verblüfft hat.

„Einmal hatten sie in der Schule über ihre Väter geredet, und Karl hatte gesagt, sein Vater sei Obst-und Gemüsehändler, was Bruno bestätigen konnte, denn ihm gehörte der Obst und Gemüseladen im Stadtzentrum […] Als sie Bruno fragten, was sein Vater machte, wollte er zu einer Antwort ansetzen, aber dann wurde ihm klar, dass er es gar nicht wusste. Er konnte nur sagen, dass sein Vater ein Mann war, auf den man ein Auge haben musste, und dass der Furor Großes mit ihm vorhatte. Ach ja, und dass er außerdem eine phantastische Uniform trug.“ (S. 11)

Das Ende ist sehr schockierend und vielleicht nicht für jeden geeignet, mir gefällt es aber gut, weil nicht alles total toll ist, wie in so manchen anderen Büchern.

Ich wundere mich etwas, dass dieses Buch bekannter als der andere Roman von John Boyne „Der Junge auf dem Berg“ ist, zu dem ich auch eine Besprechung geschrieben habe. Meiner Meinung nach ist „Der Junge auf dem Berg“ viel besser als „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Man erkennt jedoch in beiden Büchern Gemeinsamkeiten.

Insgesamt würde ich den Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ also nicht empfehlen.

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