
Der Roman „Verloren in Eis und Schnee“ von Davide Morosinotto ist 2018 in deutscher Übersetzung im Thienemann-Esslinger Verlag erschienen. Er hat 431 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.
Das Buch handelt von den dreizehnjährigen Zwillingen Viktor und Nadja, die gemeinsam mit ihren Eltern im Jahre 1941 in Leningrad (heute Sankt Petersburg) leben.
Doch als sich die deutschen Truppen der Stadt immer weiter nähern, müssen alle Kinder von Leningrad die Stadt schleunigst mit Zügen verlassen. Auch Viktor und Nadja haben keine andere Wahl.
„Wir reisen morgen bei Sonnenaufgang ab. Wir wissen nicht, wo sie uns hinschicken, aber Mama sagt, das Bürgerkomitee habe an alles gedacht, sie würden uns unser Ziel im richtigen Moment bekannt geben und unsere Eltern informieren, damit sie uns schreiben können.“ (S. 40)
Die beiden sind sehr traurig darüber, ihre Eltern verlassen zu müssen. Auch die Eltern der Zwillinge sind sehr betrübt, weshalb Viktor und Nadja ihnen versprechen, alles aufzuschreiben, was sie erleben werden.
„Nachdem Papa das gesagt hatte, stand er auf und zog unter dem Bett eine Stofftasche. Drinnen waren fünf Hefte […] mit rotem Umschlag und Spiralbindung. ‚[…] schreibt hinein, was ihr auf eurer Reise erlebt. Wenn wir wieder zusammenkommen, können Mama und ich alles nachlesen und es wird sein, als wären wir niemals getrennt gewesen.‘ “ (S. 38/39)
Außerdem versprechen Viktor und Nadja, immer zusammenzubleiben, egal was passieren wird. Dies ist den Eltern der beiden sehr wichtig.
„ ‚Wir versprechen, dass wir uns niemals trennen werden.‘ Er nahm meine Hand. Und ich drückte sie, so fest ich konnte.“ (S. 39)
Schon bald ist jedoch der Tag gekommen, an dem Viktor und Nadja sich von ihren Eltern verabschieden müssen.
Auf dem Bahnhof angekommen herrscht großes Chaos. Jedem Kind wird eine Nummer der zwei Züge zugewiesen, in den es dann einsteigen muss. Viktor bekommt jedoch eine andere Nummer als Nadja und so können sie nicht im gleichen Zug fahren.
„Der Beamte an der Tür kontrollierte Nadjas Nummer und sagte: ‚Weitergehen.‘ Dann nahm er meine Hand, schaute drauf und schnauzte mich an: ‚Du nicht.‘ Mir blieb die Luft weg. Es kam mir vor, als würden die Wände der Bahnhofshalle, die Soldaten und die ganzen Kinder allesamt auf mich zustürzen und mich erdrücken.“ (S. 57)
Als die Züge dann abfahrbereit sind, erkennen die Zwillinge, dass sie nicht in den gleichen Zug kommen können. Viktor kann jedoch nichts dagegen tun, sodass sich die beiden erst einmal voneinander verabschieden müssen.
Glücklicherweise haben die Züge jedoch planmäßig das gleiche Ziel.
„ ‚Viktor, ich kann nicht ohne dich fahren.‘ ‚Mach dir keine Sorgen. Fahr einfach, ich komm dann nach. Ich muss nur in den nächsten Zug einsteigen. Sie haben alle dasselbe Ziel.‘ “ (S. 59)
In den Zügen ist es eng und stickig, die Kinder haben Hunger und niemand weiß, wohin es geht.
„Einige hatten vergessen, Proviant mitzunehmen, und hatten schrecklichen Hunger, jammerten und wurden unruhig.“ (S. 66)
Viktor bereut es nun sehr, nicht im gleichen Zug wie Nadja zu sein und freut sich schon auf das Wiedersehen mit ihr.
Doch es kommt alles ganz anders.
Viktors Zug hält in Kasan, in der Republik Tatarstan. Hier müssen die Kinder schwer in einer Kolchose arbeiten und haben nicht viel Zeit, sich Sorgen zu machen.
„Es ist Abend und mein zweiter Arbeitstag ist vorbei. Eigentlich wollte ich gestern Abend etwas schreiben, aber ich war zu müde. Mein Rücken tut bei jeder Bewegung weh und ich habe so viele Blasen an den Händen, dass ich den Stift kaum halten kann.“ (S. 80)
Nadjas Zug dagegen bleibt einfach auf den Gleisen stehen und beginnt irgendwann zu brennen.
„Wir liefen zum Gleis und ich sah, dass der ganze Zug brannte, von der Lok vorne bis zum Ende des letzten Waggons. Der Tender mit der Kohle war nur noch ein riesiger glühender Ball, aus den Fenstern loderten Flammen und vom ganzen Zug stieg schwarzer Rauch auf.“ (S. 116)
Glücklicherweise gibt es keine Verletzten und die Kinder können sich retten.
Die Nachrichten geben jedoch an, das der Zug von den Deutschen bombardiert wurde und niemand überlebt hätte.
„Gestern wurde eine der sogenannten Züge der Kinder, genauer: Zug Nummer 76, während eines Aufenthaltes nahe dem Bahnhof Mga von feindlichen Flugzeugen bombardiert. Die Bomben zerstörten sowohl die Lokomotive als auch die Waggons und töteten sämtliche Passagiere. (S. 94)
Das hört Viktor und er beschließt sofort, sich auf die Suche nach seiner Schwester zu machen. Die Bedingungen sind hart und Viktor muss um sein Überleben kämpfen.
Wird er Nadja jemals wiedersehen…?
Im Laufe des Buches wird beschrieben, wie Viktor sich auf die Suche nach Nadja begibt und mit einigen anderen Kindern aus der Kolchose ausbricht.
Besonders die harten Bedingungen und der Kampf um das Überleben werden sehr genau geschildert.
Ich finde das Buch sehr gut.
Da die Geschichte so aufregend ist, versinkt man ganz im Buch und möchte gar nicht mehr aufhören zu Lesen.
Aber auch die Gestaltung des Romans gefällt mir sehr gut.
Das Buch gibt die Tagebuchaufzeichnungen von Nadja und Viktor wider: Nadja in schwarzer, Viktor in roter Schrift. Die Seiten sind voller Bilder und Zeichnungen, die Seiten sind leicht vergilbt und man findet einige Einträge, die später durchgestrichen oder neu geschrieben wurden, genau wie ein richtiges Tagebuch.
Dabei untersucht ein Oberst des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten den Fall und entscheidet, ob Viktor und Nadja angeklagt werden.
Er hinterlässt auch lustige Bemerkungen am Rande der Tagebücher.
Die Geschichte an sich ist relativ grausam. In jedem Kapitel fragt man sich, ob Viktor überleben wird und auch Verletzungen oder Tode der anderen Kinder werden beschrieben.
„Ilja war hart wie ein Stock. Ich schüttelte ihn heftiger und er fiel in den Schnee, aber nicht wie ein Kind, das fällt, sondern wie ein abgebrochener Ast, der herabstürzt. Er war weiß und starr.“ (S. 237)
Ich fand es beim Lesen nicht so schlimm, könnte mir aber gut vorstellen, dass andere Kinder damit einige Schwierigkeiten haben.
Insgesamt würde ich den Roman „Verloren in Eis und Schnee“ auf jeden Fall weiterempfehlen, besonders wegen der schönen Gestaltung des Buches.
Ein Kommentar zu “Davide Morosinotto: Verloren in Eis und Schnee”