Sharon Creech: Der weite Weg nach Hause

Der Roman „Der weite Weg nach Hause“ von Sharon Creech ist 2003 in deutscher Übersetzung im Fischer Verlag erschienen. Er hat 288 Seiten und eignet sich für Kinder ab 10 Jahren.

Das Buch handelt von den dreizehnjährigen Zwillingen Dallas und Florida. Die beiden leben schon, seit sie denken können, im Boxton-Creek-Kinderheim von Mr und Mrs Trepid. Von allen Kindern sind sie schon am längsten dort.

„Das Heim war eine schreckliche Anstalt, die im Laufe der Jahre durch die Maschen der Verwaltung gefallen war. Zwar tröpfelten immer noch irgendwelche Gelder ins Haus, aber nie kam ein Sozialarbeiter vorbei, um nach den Kindern zu sehen […] Aber für Dallas und Florida war dieses Kinderheim das einzige Zuhause, das sie je gehabt hatten.“ (S. 16/17)

Leider gefällt es den Zwillingen im Heim nicht besonders, was auch an den vielen Regeln von Mr und Mrs Trepid liegt.

„Die Heimleiter, Mr und Mrs Trepid, waren mittelalt, mürrisch und müde. Sie wurden allmählich so kalt und frostig wie winterstarre Bäume und glaubten vor allem an Vorschriften und Regeln. Diese Regeln wurden an sämtlichen Türen, auf den Korridoren und über den Betten der Kinder angeschlagen. Es gab allgemeine Regeln und Küchenregeln, Badezimmerregeln, und Treppenhausregeln, Kellerregeln und Gartenregeln, Regeln für das Obergeschoss und Regeln für das Erdgeschoss, Kleiderregeln, Waschregeln, Putzregeln, Regeln, Regeln, nichts als Regeln.“ (S. 14)

Wenn man gegen eine Regel verstößt, was den Kindern ziemlich oft passiert, muss man mehrere Stunden in der Nachdenk-Ecke sitzen und über seinen Verstoß nachdenken.

„Dallas und Florida hatten schon Hunderte von Stunden in der Nachdenk-Ecke verbracht, in diesem finsteren, feuchten Spinnwebenwinkel unten im Keller. Sie hatten auch schon die kratzigen Ich-war-böse-Hemden getragen, hatten Dung geschaufelt und viele Hektar Unkraut gejätet. Außerdem hatten sie Kartoffeln geschält, Töpfe und Fußböden gescheuert, Fenster geputzt, Kisten und kaputte Möbelstücke geschleppt.“ (S. 16)

Dallas und Florida wurden zwar schon zu mehreren Pflegeeltern geschickt, diese hatten die Zwillinge aber schnell wieder im Heim abgeliefert, weil sie ihnen zu anstrengend wurden. Denn besonders Florida konnte manchmal sehr nervenaufreibend sein.

„Dallas war der Ruhigere von beiden und träumte oft in den Tag hinein, während Florida laut und lebhaft war – dauernd sprudelten irgendwelche Wörter aus ihrem Mund heraus, und ihr Gesichtsausdruck konnte blitzschnell von Staunen in Ekel umschlagen.“ (S. 13)

Eines Tages kommt jedoch das Ehepaar Sairy und Tiller Morey in das Kinderheim, das Dallas und Florida gerne abholen würde, um mit ihnen eine große Reise zu unternehmen.

„‚Dieses sehr, sehr nette, wohl situierte Ehepaar sucht zwei junge Menschen, die sie auf ihren Reisen zum Rutabago und nach Kangadoon begleiten. Jetzt, in euren Sommerferien.“ (S. 35)

Die Zwillinge wissen zuerst nicht ganz, was sie davon halten sollen, weil sie schon bei so vielen Familien waren und immer wieder zurückgebracht wurden und auch, weil sie die Reise nicht zusammen sondern getrennt unternehmen sollen: Sairy mit Dallas und Tiller mit Florida. Dennoch kommen sie schon bald mit dem Ehepaar Morey mit in ihr neues Zuhause – dem Rubintal.

„Florida und Dallas starrten durch die Windschutzscheibe auf die kurvige Straße vor ihnen, auf die hohen, dichten Laubbäume rechts und links und auf die Wiesen mit den blauen, roten und gelben Blumentupfern. ‚Seht ihr den Busch da?‘, sagte Sairy. ‚Das ist ein Bärenbusch. Und dort drüben, das sind Kitzelveilchen.‘“ (S. 41/42)

Die Zwillinge finden die Natur um sie herum sehr schön, doch die beiden vertrauen dem Ehepaar nicht sehr und denken, sie hätten sie nur zum Arbeiten abgeholt.

„Florida fühlte sich nervös und gereizt, als wäre es ihre Pflicht, unbedingt wachsam zu bleiben. Dallas ließ sich von den Bäumen und Hügeln verzaubern, also musste sie doppelt aufpassen. Sie hatte kein Vertrauen zu diesem idyllischen Haus und dem alten Ehepaar.“ (S. 45)

Dallas und Florida planen deshalb eine Flucht mit dem Nachtzug, um Sairy und Tiller zu entkommen.

Die Zwillinge packen ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und schleichen sich aus dem Haus in Richtung Bahnhof. Schon bald verlaufen sie sich aber und beschließen, im Hellen weiterzulaufen.

„‚Okay, wir gehen nicht weiter. Wir machen hier Rast. Wozu haben wir schließlich die Schlafsäcke! Wir schlafen einfach ein paar Stunden […] und wenn es hell wird – nur ein winzig kleines bisschen hell -, dann wissen wir garantiert wo wir sind.‘“ (S. 132)

Am nächsten Morgen finden Sairy und Tiller die beiden jedoch, weil Dallas und Florida nicht sehr weit weg vom Haus lagen. Das Ehepaar macht daraus aber kein großes Thema und denkt, die Zwillinge hätten nur die Ausrüstung für die große Reise nach Kangadoon und zum Rutabago getestet.

Das bringt sie auf die Idee, auch eine kleine Probereise zu machen und Sairy und Tiller schlagen den Zwillingen ihren Plan vor.

„‚Also, ihr zwei seid doch in der Nacht losgezogen, um die Ausrüstung zu testen, stimmt´s? So ähnlich – nur dass diesmal ich und Florida unser Boot ausprobieren. Eine kleine Paddeltour, hier in der Gegend. Einen Tag. Oder zwei oder drei Tage. Und Dallas und Sairy könnten eine Probewanderung machen, weil sie später auf Kangadoon so viel wandern müssen. Sie könnten aus dem Tal rauswandern und irgendwo übernachten und dann weiterwandern, versteht ihr, und so die Stiefel, die Zelte, die Kompasse und alles überprüfen. Verrückter Einfall, was?‘“ (S. 161)

Die Zwillinge sind einverstanden und so begeben sich die vier auf eine kleine Reise.

Doch während sie unterwegs sind, führt der frühere Heimleiter von Dallas und Florida nichts Gutes im Schilde. Denn er hat von den „Steinkonten“ des Ehepaars erfahren. Sairy und Tiller haben ihr Geld nämlich im Boden unter Steinen versteckt und wann immer sie Geld brauchen, buddeln sie wieder etwas aus.

Mr Trepid will das Geld um jeden Preis bekommen. Und lässt sich von nichts abhalten…

Im Laufe des Buches liest man, wie sich Dallas und Florida bei Sairy und Tiller einleben und sie schnell zu einer richtigen Familie werden. Zudem wird die Probereise von Sairy und Dallas und Tiller und Florida beschrieben und man kann mitverfolgen, wie Mr Trepid die Steinkonten des Ehepaars finden will…

Mir gefällt das Buch ganz gut.

Die Geschichte ist spannend und wird nie langweilig und man kann sich gut in die einzelnen Figuren hineinversetzen.

An manchen Stellen wirkt die Handlung leicht unrealistisch und man kann sich das ganze nicht sehr gut vorstellen. Das stört aber eigentlich nicht.

Das Ende des Romans finde ich ganz gelungen. Vieles bleibt offen und man erfährt nicht, ob Tiller, Sairy, Dallas und Florida eine Familie bleiben. Das hört sich erst mal blöd an, aber bei diesem Buch passt es eigentlich sehr gut.

Zuerst dachte ich, mir würde „Der weite Weg nach Hause“ nicht sehr gut gefallen, nach dem Lesen fand ich das Buch aber sehr gelungen. Deshalb würde ich den Roman auch für jüngere Kinder (8-10 Jahren) weiterempfehlen.

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