
Der Roman „Malka Mai“ von Mirjam Pressler ist 2001 im Beltz-Verlag erschienen. Er hat 327 Seiten und eignet sich für Kinder ab 12 Jahren.
Das Buch handelt von der siebenjährigen Malka, die während des 2. Weltkrieges gemeinsam mit ihrer Mutter, der Ärztin Hanna Mai, und ihrer sechzehnjährigen Schwester Minna in Lawoczne in Polen lebt.
Hanna Mai fühlt sich trotz des Kriegs in Polen sicher, obwohl sie Juden sind, und denkt nicht daran, zu fliehen.
„Was sie selbst und ihre Töchter anging, hatte sie eigentlich keine große Angst, oder besser gesagt, die Angst war nur ein verschwommenes Gefühl, das sich leicht mit dem Gedanken zurückdrängen ließ, dass sie ja arbeitete und dass sie auch für die Deutschen eine gewisse Rolle spielte, weil es außer ihr im Umkreis von fünfzig Kilometern keinen Arzt gab.“ (S. 13)
Eines Tages kommt jedoch eine Bekannte, Frau Silber, zu Hanna und empfehlt ihr, schnell zu fliehen, da die Deutschen bald alle Juden abholen würden, um sie in Konzentrationslager zu bringen.
„‚Sie haben ihre Sachen bei den Schneidern abgeholt. Und bei Netti, der Wäscherin, waren sie auch.‘ ‚Wer?‘, fragte Hanna Mai erstaunt. ‚Die Deutschen, der Grenzschutz. Sie waren bei Mendel Abraham und bei David Schneor und haben alles abholen lassen, auch die Anzüge, die noch nicht fertig waren. Das kann nur eines bedeuten, Frau Doktor, es kommt eine Aktion.‘“ (S. 12)
Nach Frau Silbers Ansage merkt Hanna, dass sie wirklich in Gefahr ist und sie beschließt, noch am selben Tag mit ihren Töchtern zum nahen Dorf namens Kalne zu fliehen, dort ein oder zwei Nächte zu bleiben und danach wieder nach Lawoczne zurückzukommen. Hanna Mai muss in Kalne sowieso einen Patienten behandeln, der sich beim Holzhacken am Bein verletzt hat, deshalb möchte sie die Chance nutzen.
„Kalne war die Lösung […] Sie würde mit mit Minna und Malka nach Kalne gehen und dort bleiben, bis die Luft in Lawoczne wieder rein war, notfalls auch bis zum nächsten oder übernächsten Tag. Das Dorf war nur knapp drei Kilometer entfernt, ein Weg, den auch Malka leicht zu Fuß gehen konnte.“ (S. 21)
Auf dem Weg beschließt Hanna Mai aber, gleich über die ungarische Grenze zu fliehen und nicht in Kalne zu bleiben, denn auch ein Offizier hatte sie gewarnt, so schnell wie möglich zu verschwinden.
„‚Laufen sie weg, Frau Doktor, sofort. Sie müssen über die Grenze.‘“ (S. 25)
Ohne viel zu Überlegen und ohne Kleidung, Essen oder Trinken macht sich Hanna gleich mit ihren Töchtern auf den Weg zur Grenze nach Ungarn.
„Hanna strich sich die Haare aus dem Gesicht. Es war so heiß, dass sie das Gefühl hatte zu schmelzen […] Was für eine überstürzte und planlose Flucht, dachte sie. Aber […] sie waren in Gefahr, vielleicht in Lebensgefahr, wenn an den Gerüchten, die sie immer wieder gehört und nicht geglaubt hatte, doch etwas dran war.“ (S. 29)
Während einer Pause fühlt sich Malka plötzlich ganz komisch und ihre Mutter merkt, dass sie Fieber hat.
„Der Donner dröhnte und die Blitze drangen sogar durch Malkas geschlossene Lider. Ihr war schwindlig, ihr Kopf tat weh, ihre Augen taten weh, bei jedem Donner hatte sie das Gefühl, als schlage ihr jemand mit einem Hammer auf den Kopf. Auf einmal war ihr alles egal, sie ließ sich rückwärts auf den Boden fallen. Und dann versank sie in ein tiefes Loch, sank einfach wie in schwarze Watte und fühlte sich plötzlich ganz leicht.“ (S. 77)
Hanna möchte schnell Hilfe für Malka finden und bringt sie zur Mühle von Herrn und Frau Kopolowici in Pilipiec.
„Sie bat Kopolowici und seine Frau nur, ihr zu helfen, ihre kranke Tochter herzubringen, ein Kind, dessen Leben in Gefahr war, wenn sie nicht bald in ein Bett käme.“ (S. 79)
Herr Kopolowici sagt nicht ganz begeistert zu, trotzdem ist Hanna ihm und seiner Frau, die sich schnell um Malka kümmert, sehr dankbar.
„Frau Kopolowici hatte schon in einer Dachkammer […] ein Bett vorbereitet, mit einem sauberen Laken und einer sauberen Decke.“ (S. 81)
Da sich Malkas Zustand so schnell aber nicht bessert, beschließt Hanna schweren Herzens, sie bei den Kopolowicis zurückzulassen. Herr Kopolowici solle sie nach einiger Zeit in Munkatsch zu Hanna und Minna bringen. Hanna selbst würde mit Minna zu Fuß weiterreisen.
„‚Ich weiß nicht, wie lange wir nach Munkatsch brauchen, vielleicht ein paar Tage oder eine Woche […] Bis dahin geht es ihr bestimmt viel besser und Kopolowici kann sie zu uns bringen, mit der Eisenbahn, das sind nur ein paar Stunden. In Munkatsch kenne ich einen Arzt, Doktor Rosner, dort können wir sie treffen.‘“ (S. 94)
Hanna und Minna schließen sich einer Gruppe von weiteren Flüchtlingen an, die sie noch aus ihrer alten Heimat kennen.
„Es waren Schmuel Wajs und seine Frau Rachel, Efraim Kohen, ein Kohlehändler, und seine Frau, außerdem das Ehepaar Frischman, Besitzer einer kleinen Wäschefabrik, in der viele Frauen von Lawoczne arbeiteten […] Den letzten, einen jungen Mann in den Zwanzigern, kannte Hanna nicht, er wurde ihr als Ruben vorgestellt, nur Ruben, ohne Nachnamen.“ (S. 91)
Doch weil Kopolowici Angst hat, selbst von den Deutschen geschnappt zu werden, da er Malka aufgenommen hat, setzt er sie, als sie wieder halbwegs gesund ist, einfach auf die Straße.
„Herr Kopolowici brachte Malka nicht in ein neues Versteck […] sondern ging mit ihr die Straße entlang, die zur Stadt führte […] Als die ersten Häuser schon so nahe waren, dass Malka die Fenster und Türen unterscheiden konnte, blieb er stehen […] und deutete auf die Stadt. ‚Du musst dir etwas anderes suchen, dort. […] Deine Mutter wartet in Munkatsch auf dich, dann will sie weiter nach Budapest. Du musst dir einen anderen suchen, der dir hilft […] und jetzt geh, ich will nicht, dass uns jemand zusammen sieht.‘“ (S.114)
Hanna und Minna wissen aber von nichts und so muss Malka alleine weitergehen. Glücklicherweise findet sie etwas später ein polnischer Gendarm und bringt sie zu seiner Frau namens Teresa.
„Die Frau hieß Teresa. Sie lachte freundlich, als sie Malka ebenfalls einen Teller mit Haferbrei vorsetzte. Marek, der große Junge, aß weiter, Julek, der kleinste, konnte die Augen nicht von Malka wenden.“ (S. 148)
Nach einigen Nächten findet Malka es bei Teresa sehr schön und Teresa ist fast wie eine zweite Mutter für sie.
„Malka gefiel es gut bei Teresa, sogar sehr gut.“ (S. 150)
Generell denkt Malka viel lieber an Teresa als an ihre Mutter, auch während ihrer weiteren Reise möchte sie Gedanken an Hanna Mai vermeiden. Sie beschließt, ihre Mutter nicht mehr „Mama“ zu nennen, sondern nur noch als „Frau Doktor“ von ihr zu sprechen.
„Sie durfte nicht an ihre Mutter denken. Ein Ziehen im Kopf und im Bauch sagte ihr, dass sie Wörter wie ‚Mama‘ oder ‚Mutter‘ besser vermied, weil ihre Gedanken dann verrückt spielten.“ (S.162)
Doch leider kann sie trotzdem nicht lange bei Teresa bleiben und Malka muss sich eine neue Bleibe suchen…
Im Laufe des Buches wird abwechselnd von Hannas und Minnas Reise nach Munkatsch und Malkas Versuche, zu ihnen zurückzufinden erzählt. Malka selbst hat nicht sehr viel Ahnung, wo sie hingehen muss und wird bei verschiedenen Leuten aufgenommen, um danach wieder gehen zu müssen. Hanna und Minna wissen währenddessen noch immer nicht, dass Malka von Herrn Kopolowici rausgeworfen wurde und als die beiden endlich in Munkatsch ankommen, ist Malka natürlich nicht da. So muss Hanna sich wieder auf den Weg nach Polen machen, um sie zu suchen.
Mir gefällt das Buch sehr gut. Die Reise ist abwechslungsreich beschrieben und man kann sich gut in die einzelnen Personen hineinversetzen. Insgesamt finde ich den Roman sehr traurig und Malka tut mir ziemlich leid.
„Dort knipste er das Licht an und Malka sah am Ende eines Ganges eine Tür. Der Mann schloss sie mit einem großen Schlüssel auf und schob Malka in einen dunklen Raum. Bevor er die Tür wieder zumachte, sah sie in dem hellen Dreieck auf dem Boden Füße und Beine. Dann verschwand das helle Dreieck, die Tür hinter ihr fiel ins Schloss, der Schlüssel wurde umgedreht und es war ganz dunkel […] sie hörte Atemzüge, irgendwo rechts von ihr schnarchte jemand, ab und zu stöhnte einer. Es stank nach Kot und Urin. Malka versuchte, die Luft anzuhalten, aber es ging nicht.“ (S. 122/123)
„Beim Laufen war es leichter, nicht an Essen zu denken. Sie wusste ja, dass Gedanken an Essen das hohle Gefühl im Bauch nur noch schlimmer machten […] sie bückte sich, riss ein paar Grashalme aus, die in einer Ritze zwischen den Pflastersteinen wuchsen, und steckte sie in den Mund […] sie kaute und kaute, bis die zähen Halme zu einem bitteren Brei geworden waren, und schluckte ihn hinunter.“ (S. 225)
Die einzelnen Erzählungen von Malkas Leid sind zwar nicht total ausführlich beschrieben, aber wenn man sich das Ganze einmal vorstellt, finde ich Malkas Lebensbedingungen ziemlich schlimm.
Das Ende der Geschichte ist etwas offen, man erfährt, wie Malka und ihre Mutter wieder zusammenkommen, aber Malka möchte ihrer Mutter nicht richtig vertrauen (wie oben schon gesagt hat Malka beschlossen, sie nur noch „Frau Doktor“) zu nennen. An diesem Punkt endet dann die Geschichte und man weiß nicht, ob Malka jemals wieder zu ihrer Mutter „zurückfindet“. Ich hätte noch sehr gerne gewusst, wie es weitergeht, die Autorin hat das Ende aber bewusst offengelassen.
Trotzdem gefällt mir „Malka Mai“ sehr gut. Es ist auch interessant zu wissen, dass es eine echte Malka Mai gibt, die mit Mirjam Pressler gesprochen hat und auf deren Erinnerungen das Buch beruht (Malka Mai wusste aber fast gar nichts mehr von ihrer Flucht, deshalb hat Mirjam Pressler das meiste der Handlung erfunden). Die echte Malka Mai lebte aber auch mit ihrer Mutter und einer älteren Schwester in Lawoczne. Nach dem Krieg ist sie noch ohne ihre Mutter zu ihrem Vater nach Israel gegangen, die Mutter kam einige Zeit später dann nach.
Insgesamt ist „Malka Mai“ also ein sehr spannender und interessanter Roman für Leute, die sich für diese Zeit interessieren.