Lauren Wolk: Echo Mountain – Ellie geht ihren eigenen Weg

Der Roman „Echo Mountain – Ellie geht ihren eigenen Weg“ von Lauren Wolk ist 2021 in deutscher Übersetzung im Hanser-Verlag erschienen. Er hat 384 Seiten und eignet sich für Kinder ab 11 Jahren.

Das Buch handelt von einem zwölfjährigen Mädchen namens Ellie, das mit ihren Eltern 1934 wegen des Börsenkrachs und der Wirtschaftskrise in die Wildnis ziehen musste.

„Zu viele Menschen hätten mit ihrem Geld spekuliert, erklärte mir mein Vater, und seien dann in Panik geraten, als es so aussah, als könnten sie es verlieren … Wodurch sie nur noch mehr verloren und verarmten, so wie auch wir.“ (S. 13)

Sie bauten mit vereinten Kräften eine kleine Blockhütte am Berg Echo Mountain, mitten in der Natur, und zogen darin ein.

Eines Tages geschieht jedoch ein Unfall und Ellies Vater fällt ins Koma.

„Ich erinnerte mich, dass ich meinem Vater half, ein Stück Land am Rande unseres Grundstücks zu roden, damit wir im Frühling mehr Bohnen und Erbsen und Zucchini pflanzen konnten […] Aber meine Mutter war mit dem Eintopf beschäftigt […] Mein Vater mit seiner Axt. Und so war ich die Einzige, die plötzlich sah, wie Samuel über die freie Fläche angerannt kam […] Ich allein sah, dass er einem Kaninchen hinterherrannte. Und für nichts anderes Augen hatte als für die weiße Unterseite des Schwanzes. In dem Moment kippte der Baum […] In einem großen Bogen, direkt auf Samuel zu. Seine Äste peitschten durch die Luft […] drehten sich schwerfällig, während ich mich darunter duckte und im Rennen Samuel packte, bis wir beide von hinten einen Stoß bekamen und hart am Boden aufprallten. Ich erinnerte mich, wie ich ihn ganz festhielt, während ich mich umdrehte und meinen Vater reglos unter den Ästen des Baumes liegen sah. Sein Blut im Schnee.“ (S. 71/72)

Monatelang liegt Ellies Vater im Koma und die Familie weiß nicht, ob er überleben wird. Und was Ellie besonders schlimm findet: Die anderen sind der Meinung, ihr Vater wäre wegen ihr unter dem Baum begraben worden.

Auch deswegen beschließt Ellie, ihren Vater zu heilen und sie lässt sich jede Menge verrückte Dinge einfallen.

„Ein oder zwei Mal zuvor hatte ich eine Schlange im Waschraum gesehen, doch so eine noch nie. Diese war genauso lang, wie ich groß war. Schwarz und glänzend war sie […] Ich zwang mich, sie festzuhalten, so weit von meinem Gesicht entfernt, wie ich nur konnte, während ich mit der Schlange den Waschraum verließ und zum hinteren Zimmer ging, in dem mein Vater lag […] Während ich die Tür öffnete, hielt ich die Schlange mit einer Hand, dann warf ich das Tier aufs Bett, zog die Tür hinter mir zu und lehnte mich dagegen.“ (S. 99/101)

Ellie denkt nämlich, dass ihre Schwester so laut schreien wird, wenn sie die Schlange sieht, dass ihr Vater von dem Lärm wach wird.

Eines Tages trifft Ellie aber auf „die Hexe“, welche eigentliche keine Hexe ist, sondern Cate heißt und ganz oben am Berg wohnt. Ellie hat die Hoffnung, dass sie ihr bei der Heilung ihres Vaters helfen kann. Cate allerdings hat ganz andere Probleme, denn sie liegt mit einem verletzten Bein im Bett und kann sich nicht bewegen. Also muss Ellie auch ihr helfen und somit gleich zwei Menschen retten…

Ellies Familie aber hält nichts von ihren Versuchen, den Vater aufzuwecken. Besonders Ellies fünfzehnjährige Schwester Esther mag Ellie nicht besonders und ist ihr gegenüber sehr misstrauisch. Generell mag Esther das Leben am Berg gar nicht und sie möchte viel lieber zurück in die Stadt.

„Esther hingegen musste klare, starke Erinnerungen haben – an jene Zeit und an unser früheres Zuhause. Und ich wusste, für sie war das Leben auf dem Berg das, was sie am liebsten vergessen würde.“ (S. 231)

Auch Ellies Mutter vermisst das alte Leben und möchte, dass Ellie ihren Vater in Ruhe lässt. Nur Ellies kleiner Bruder, Samuel, findet das Leben in der Wildnis ganz in Ordnung und interessiert sich für das, was Ellie macht.

„Seit dem Unfall meines Vaters hatte Samuel sich angewöhnt, auf Schritt und Tritt hinter mir herzukommen. Er beobachtete mich beim Arbeiten und stellte mir Fragen, und ich versuchte, ihm einige der Dinge beizubringen, die unser Vater mir beigebracht hatte […]“ (S. 31/32)

Nur Ellie und ihr Vater lieben das Leben auf dem Berg richtig und haben sich schnell an das neue Zuhause gewöhnt.

„Wie mein Vater, so liebte auch ich den Wald. Von Anfang an waren wir beide glücklich mit unserem unerwarteten Leben. Freuten uns über die unablässig heiteren Vögel. Über den Mond mit seinen schönen Flecken. Den Wind, der das Laub im Sonnenlicht schimmern ließ, frisch und froh.“ (S. 19)

Im Laufe des Buches wird Ellies Leben am Berg und ihre tägliche Arbeit in allen Einzelheiten beschrieben, besonders aber ihre Versuche, ihren Vater und Cate zu heilen. Und ihre Arbeit lohnt sich…

Mir gefällt der Roman sehr gut. Ich habe das Buch aus Zufall entdeckt und gleich gekauft, seitdem ist es eines meiner neuen Lieblingsbücher. Besonders toll finde ich die Beschreibungen der Wildnis und man hat viel von Ellies neuem Leben erfahren. Auch die Beschreibung ihrer Arbeit ist interessant zu lesen: sie macht Feuer, klaut den Bienen Honig aus dem Nest, hackt Holz, sammelt Kräuter und essbare Pflanzen und jagt wilde Tiere. All diese Dinge sind sehr genau beschrieben und man kann sich richtig gut in Ellies neues Leben hineinversetzen.

Trotzdem ist das Buch nichts für schwache Nerven, sehr oft werden Wunden, blaue Augen oder andere Verletzungen sehr genau beschrieben, sodass meine Hände öfters etwas schwach wurden (ich bin in solchen Sachen aber auch relativ empfindlich). Hier einige Beispiele:

„Sein linkes Auge war zugeschwollen, die Haut schwarz und blau verfärbt […] Das Oberlid war ballonartig geschwollen, die Haut unter dem Auge ebenso, und wo sich die Schwellungen trafen, sahen die Wimpern aus wie kleine schwarze Zähne in einem großen roten Mund.“ (S. 186)

„Legte die Messerklinge flach neben die Schwellung, so, dass die Spitze vom Auge wegzeigte. Dann drückte ich so lange, bis das Fleisch sich um das Messer herum hob, und zog die Klinge langsam nach unten. Der Druck in der Schwellung nahm immer weiter zu, bis die dünne Haut plötzlich aufbrach und die Blase platzte.“ (S. 192)

„[…] dann machte er den Schnitt mit einer einzigen harten, langsamen Bewegung. Cate zuckte nur leicht zusammen, stöhnte ein bisschen, während das Blut an ihrem Bein herunterlief, als hätte Larkin lange rote Gardinen darübergebreitet. Als wir die Ränder der Wunde auseinanderzogen, sahen wir, dass die Infektion bereits fortgeschritten war und den Muskel erreicht hatte, doch noch nicht allzu tief. Zumindest hoffte ich das.“ (S. 149)

Trotzdem empfehle ich das Buch auf jeden Fall!

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