
Der Roman „Der gelbe Vogel“ von Myron Levoy ist in deutscher Übersetzung im dtv-Verlag erschienen. Er hat 192 Seiten und wurde 1982 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
Das Buch handelt von dem zwölfjährigen, jüdischen Jungen namens Alan Silverman. Er wohnt während des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit seinen Eltern in New York und spielt am liebsten mit seinem Freund Shaun Kelly Schlagball oder geht mit seinem Modellflugzeug zum alten Flugplatz.
„Sie waren auf dem Flugplatz oder jedenfalls auf dem Feld, das vom Holmes Airport übrig geblieben war. Es lag über zwei Meilen von ihrem Haus entfernt, aber an Samstagen, bei gutem Wind, marschierten Alan und Shaun mit ihren Modellflugzeugen hinaus. Shaun hatte eine Stinson Reliant, Alan seine Piper Cub.“ (S.64)
Über den Krieg macht sich Alan nicht besonders viele Gedanken, bis er im Treppenhaus eines Tages seine neue Nachbarin auf dem Boden sitzen sieht, während diese ein Papier in lauter kleine Teile zerreißt.
„Alan ging zu dem Papier und hob es auf. Es war der Rest einer Stadtkarte von New York. Ein paar sinnlose Linien waren rot eingezeichnet und eine zittrige Hand hatte darüber geschrieben GEHEIME STAATSPOLIZEI.“ (S.14)
Alan ist etwas entsetzt und am gleichen Abend erzählt auch seine Mutter von dem neuen Mädchen. Es heißt Naomi und musste mit ansehen, wie ihr Vater von den Nationalsozialisten getötet wurde. Seitdem hat Naomi Kirschenbaum ein Trauma und fürchtet sich vor allen möglichen Dingen, auch vor Alans Schlagballschläger.
„Alan […] dachte, es müsse wohl der Schlagballschläger sein, der sie so erschreckte. Er legte das abgesägte Stück Besenstiel auf den Boden und ließ es auf die Tür zurollen. Der Schläger surrte über die Fliesen. Das Mädchen starrte darauf, als sei er eine Pythonschlange, die sich zum Zustoßen aufgerichtet hatte.“ (S.13)
Weil es dem Mädchen so schlecht geht, fordern Alans Eltern ihn auf, sich um sie zu kümmern, also jeden Tag zu ihr zu gehen und versuchen zu helfen, ihre Ängste zu überwinden. Alan findet das nicht so toll.
„Sollte seine Mutter doch mit dem Mädchen spielen. Soll sie´s doch mal eine Weile probieren.“ (S.23)
Nach einigem Überreden stimmt Alan jedoch zu und geht von nun an jeden Tag zu Naomi. Bei seinem ersten Besuch beachtet sie ihn noch nicht einmal und zerreißt die ganze Zeit neues Papier.
„Naomi saß mit gekreuzten Beinen auf ihrem Bett und riss ein Stück Papier in kleine Fetzen […] Naomi schaute ein paar Mal auf, und da keine Gefahr zu drohen schien, riss sie […] weiter Papier entzwei.“ (S.37/38/39)
Deshalb kommt Alan auf die Idee, das nächste Mal mit seiner Puppe namens Charlie mit Naomi zu reden. Sie hat nämlich auch eine Puppe, Yvette. Alan ist das etwas peinlich, weshalb er Charlie in eine Tüte packen will.
„Alan suchte eine Einkaufstüte in der Küche, um Charlie verstauen zu können. Er wollte auf seinem kurzen Weg […] hinauf nicht damit gesehen werden. So eine Handpuppe ist etwas für kleine Kinder, mit zwölfeinhalb läuft man nicht damit herum, es sei denn, sie gehört zu einer Zaubervorführung oder man ist tatsächlich ein weltberühmter Bauchredner.“ (S.34)
Trotzdem funktioniert Alans Plan. In den ersten Tagen zeigt Naomi keine Reaktion, aber schon bald unterhalten sich die zwei Puppen. Naomi möchte sich zwar noch nicht selbst zeigen, aber Alan verliert nicht den Mut und macht immer weiter. Ihm fällt es dennoch schwer, jeden Tag eine neue Ausrede zu erfinden, weshalb er nicht mit den anderen Schlagball spielen kann (denn Alan will nicht, dass seine Freunde wissen, dass er mit „der Verrückten“ spielt), weshalb er sehr froh ist, dass es immer öfter regnet.
„An Schlagball am Nachmittag war nicht mehr zu denken. Alan war so erleichtert für heute keine Ausrede erfinden zu müssen, dass er mit Wonne in einen seichten See über einem verstopften Gully sprang.“ (S.40)
Generell finden die anderen Jungen Naomi sehr komisch und wollen nichts mit ihr zu tun haben. Oft nennen sie sie auch die „irre Ida“. Dafür unterstützen Alans Eltern Alan sehr und auch Naomis Mutter und Frau Liebman, bei der Naomi und ihre Mutter vorerst untergekommen sind, ist ihm sehr dankbar.
„ ‚Komm bitte herein, Alan, du bist so gut, so lieb, dass du hergekommen bist. Ich kann nicht genug Dankeschön sagen von ganzem Herzen. Deine Mutter weiß es, dein Vater weiß es, komm bitte, komm herein.‘ “ (S.36)
Obwohl seine Eltern ihn am Anfang seiner Besuche oft erinnern mussten, zu Naomi zu gehen, besucht Alan sie bald ganz selbstständig und merkt, dass er wirklich ihr Freund sein möchte.
Und seine Arbeit lohnt sich.
Im Laufe des Buches werden Alans lange Besuche bei Naomi und ihre Fortschritte beschrieben. Bald gehen die beiden sogar schon zusammen raus und Naomi wird immer offener und fast wie ein normales Mädchen. Am Ende des Romans gehen die beiden sogar zusammen zur Schule, doch eines Tages geschieht etwas, was die Freundschaft zwischen Naomi und Alan in Frage stellt….
Mir gefällt das Buch gut. Die Entwicklung von Naomis Trauma finde ich sehr interessant und auch das Verhältnis von Alan zu Naomi ist spannend zu lesen. Auffällig ist, dass das Buch in einer früheren Zeit (während des Zweiten Weltkrieges) spielt und Alan deshalb nicht ein Computerspiel spielt oder irgendeinen Mist baut, sondern stattdessen mit seinem Freund mit Flugzeugen spielt.
Was mich überrascht hat, ist, dass es kein Happy End gibt. In allen Büchern ist am Ende alles gut, alle sind glücklich und das bleibt dann bis ans Lebensende so. In diesem Roman ist am Ende alles schlecht und Alan ist totunglücklich. Mich hat das hier nicht sehr gestört, es war eigentlich eine gute Abwechslung, aber andere Kinder finden das Ende vielleicht nicht sehr toll.
Insgesamt würde ich das Buch empfehlen.